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Nils Schumann : Die eine Sternstunde

27. September 2000 in Sydney: Nils Schumanns Sternstunde Bild: dpa

In Sydney spielte er im 800-Meter-Finale seine große Spurtstärke aus. Nils Schumann nutzte damals die Gunst eines Augenblicks, der nie wiederkehrte. Jetzt hat der Olympiasieger seine Karriere beendet.

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          „Irgendwann muss man Realist sein.“ Gegen diese Erkenntnis hat sich Nils Schumann lange gesträubt, viel zu lange. Denn die sportliche Wirklichkeit sah für den strahlenden 800-Meter-Olympiasieger von Sydney zuletzt doch eher trostlos aus. Seit Jahren keine Zeit mehr unter 1:47 Minuten, keine Chance mehr, selbst mit der nationalen Konkurrenz mitzuhalten. Jetzt, mit 31 Jahren und kurz vor den Weltmeisterschaften in Berlin, hat der Thüringer endlich der Realität ins Auge gesehen und einen Schlussstrich unter eine Karriere gezogen, die längst nur noch von der Vergangenheit lebte.

          Jenem Coup 2000 in Sydney, als Schumann im olympischen Finale seine große Stärke, seinen damals nahezu unwiderstehlichen Spurt, gegen den kenianischen Dänen Wilson Kipketer ausspielte. Es war die Gunst eines Augenblicks, der nie wiederkehrt, auch wenn Schumann als Europameister 1998, WM-Fünfter 2001 und EM-Dritter 2002 hinreichend bewiesen hatte, dass er keine Eintagsfliege war (siehe: Leichtathletik-WM: Schweizer Post zu schnell für Schumann und Leichtathletik-EM: Starke Konkurrenz ärgert Schumann). München 2002, das war schon der Wendepunkt. Drei Achillessehnenoperationen hätten vermutlich den meisten Kollegen jede Illusion geraubt, noch einmal richtig anzugreifen. Aber die deutsche Leichtathletik der Nachwendezeit ist arm an laufenden Olympiasiegern, und seine Sternstunde öffnete ihm noch Jahre später Türen, die sonst verschlossen geblieben wären. Es lebte sich – auch ohne die alte Leistungsstärke – ganz gut.

          Sein größter Fehler war sein Wechsel zu Springstein

          Der Weg von Nils Schumann nach seinem Olympiasieg hat etwas von einer Odyssee: Trennung von Heimtrainer Dieter Hermann, Wechsel von Großengottern nach Berlin, ein Jahr später nach Erfurt, dann Magdeburg, anschließend Frankfurt, zum Schluss wieder Erfurt. Das zeigt seine Zerrissenheit – und dass er im Grunde nirgendwo mehr richtig angekommen ist. Seinen größten Fehler beging Nils Schumann schon 2003. Mit dem Wechsel nach Magdeburg – zu Thomas Springstein. Einem Mann mit Vergangenheit, der zudem 2006 wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz sowie der Weitergabe von Dopingmitteln an Minderjährige in einem besonders schweren Fall zu einer 16-monatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde.

          Der Kniefall nach seinem Coup gegen Wilson Kipketer: 800-Meter-Olympiasieger

          Schumann suchte zwar eilig das Weite, nachdem die Vorwürfe gegen Springstein bekannt geworden waren, aber im Zuge des Verfahrens tauchte auch Belastungsmaterial gegen ihn selbst auf: Er soll den spanischen Arzt Miguel Angel Peraita – einen Kollegen des berühmten Doktor Eufemiano Fuentes – in Madrid besucht haben. Zudem wurde Schumanns damalige Freundin, die Hochspringerin Amewuh Mensah, des Dopings überführt (siehe: Doping: Amewuh Mensah positiv getestet). Schumann ist nie positiv getestet worden, und das Ermittlungsverfahren des Deutschen Leichtathletikverbandes gegen ihn wurde 2007 eingestellt. Aber sein Ruf war beschädigt. Dagegen – und gegen seinen Körper – kam er bei aller Hartnäckigkeit nicht mehr an (siehe: Nils Schumann: „Nie Grenze des Erlaubten überschritten“).

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