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Leichtathletik : Plötzlich verschwindet die jamaikanische Staffel

Weltrekord-Sprinter Usain Bolt soll nicht unter den positiv Getesten sein Bild: AFP

In London wollte sich das jamaikanische Sprinter-Quartett mit den Amerikanern messen - bis nun Nachrichten von positiven Doping-Proben aus der Heimat auftauchten. Und plötzlich verschwand die Staffel von der Startliste. Usain Bolt lief dennoch am Freitag - in 9,91 Sekunden.

          Auf der Website des Jamaikanischen Leichtathletik-Verbandes (JAAA) läuft immer noch der Reggae-Song von Lloyd Lovindeer, dass es wohl die Luft, das Wasser und das gute Essen sein müssten, die Jamaikaner besonders schnell laufen lassen. Doch die Hinweise, dass fünf jamaikanischen Sprintern - vier Männern sowie einer Frau - der Einsatz von DopingSubstanzen nachgewiesen worden ist, bestätigte am Freitag ein Offizieller der jamaikanischen Anti-Doping-Kommission (Jadco) der Nachrichtenagentur Reuters. Sein Name wurde nicht genannt. „Ich kann sagen, dass fünf Athleten auf eine unbedeutende Substanz positiv getestet worden sind“, erklärte der Funktionär. Die Tests stammten von den nationalen Trials im Juli in Kingston.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Auch Nick Davies, der Sprecher des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, bestätigte am Freitag den positiven Dopingbefund von fünf Jamaikanern. Nach Informationen dieser Zeitung soll es sich um Stimulantien handeln. Top-Athleten wie Usain Bolt und Asafa Powell seien nicht betroffen. Gleichwohl verschwand die jamaikanische Sprint-Staffel, die sich an diesem Samstag unter Einsatz von Bolt und Powell mit der amerikanischen messen sollte, am Freitag von der Startliste der Veranstaltung im Crystal Palace. Bolt lief am Freitag, er lief die 100 Meter bei 1,7 Meter pro Sekunde Gegenwind in 9,91 Sekunden. Zu den Dopingmeldungen sagte er: „Ich weiß nur definitiv, dass ich nicht dabei bin.“

          Der „Jamaica Observer“ beruft sich bei seinem Bericht über eine Handvoll positiver Fälle auf „hochrangige Quellen“. Es handele sich um zwei männliche Sprinter aus dem Pool für die 4×100-Meter-Staffel sowie eine Sprinterin, ebenfalls unter den besten sechs bei den Trials. Die zwei anderen Männer seien 400-Meter-Läufer, auch sie unter den ersten sechs und damit im Staffel-Pool für die Weltmeisterschaften, die am 15. August in Berlin mit den Sprint-Wettbewerben beginnen. Patrece Charles-Freeman, die Geschäftführerin der Jamaikanischen Anti-Doping Commission, erklärte, aufgrund der Gerüchte habe ihre Organisation eine Untersuchung eingeleitet. Der jamaikanische Premierminister Bruce Golding berief ein Treffen mit Verantwortlichen des jamaikanishen Leichtathletikverbandes und der Jadco ein.

          In Peking holten Nesta Carter, Asafa Powell, Michael Frater und Usain Bolt Olympia-Gold

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          Bei den Trials habe die Jadco knapp fünfzig Proben genommen, berichtet der „Jamaica Gleaner“. Diese seien in Montreal in Kanada analysiert worden. Die betroffenen Athleten sollten nach den Berichten am Freitag informiert werden. Sie haben das Recht, eine Öffnung der B-Probe zu verlangen.

          Die Sprinter aus Jamaika, einer Insel mit lediglich 2,7 Millionen Einwohnern, hatten bei den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr für Staunen und nicht wenige Zweifel gesorgt, als sie fünf ihrer sechs Wettbewerbe gewannen - lediglich die Staffel der Frauen verlor den Stab und verpasste damit eine Medaille. Der 23 Jahre alte Usain Bolt siegte über 100 und 200 Meter und stellte dabei Weltrekorde von 9,69 und 19,60 Sekunden auf. Mit ihm gewann auch die jamaikanische Staffel (mit Nesta Carter, Michael Frater und Schlussläufer Powell) in Weltrekordzeit (37,10 Sekunden).

          Auch den Sprint der Frauen dominierten Jamaikanerinnen. Shelly-Ann Fraser siegte über 100 Meter vor Kerron Stewart und Sherone Simpson, die, weil zeitgleich, beide eine Silbermedaille bekamen. Über 200 Meter wurde Veronica Campbell-Brown Olympiasiegerin. Die Frauenstaffel verlor, in Führung liegend, im Endlauf den Stab. Mit dem Olympiasieg von Melaine Walker über 400 Meter Hürden kam das jamaikanische Team in Peking auf sechs Gold-, drei Silber- und zwei Bronzemedaillen.

          Zweifel gibt es schon lange

          Der jamaikanische Sport machte sich umso verdächtiger, als seine Organisationen die Mitwirkung in der karibischen Anti-Doping-Agentur ablehnten. Im vergangenen Jahr erließ die Regierung deshalb ein Gesetz gegen Doping und aktivierte die vor drei Jahren gegründete Jadco. Den Vorsitz übertrug sie dem Rektor der Technischen Universität von Kingston, Errol Morrison. Das Budget von umgerechnet 500.000 Euro trägt das Ministerium für Information, Kultur, Jugend und Sport. Das Gesundheitsministerium soll eine Präventionskampagne unterstützen. Die Medizinerin Patrece Charles-Freeman ist an der Universität der Westindies in Kingston mit einer Arbeit über die Auswirkungen von Umweltverschmutzung durch Bauxitminen promoviert worden. Sie ist die Tochter von Arbeitsminister Pearnel Charles.

          Chris Butler von der IAAF bestätigte, dass Jadco von seinem Verband und von der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) anerkannt sei und, wie er sagte, so arbeite wie die Nada in Deutschland. Die Nada allerdings ist als Stiftung formal unabhängig von Regierung und Sport.

          Wie die großen Namen der Vergangenheit

          Jamaikanische Verbandsvertreter und Trainer betonen stets, dass alle je des Dopings überführten jamaikanischen Athleten nicht in Jamaika lebten. Vor allem in den Vereinigten Staaten, so ihre Überzeugung, kämen sie mit verbotenen Mitteln in Kontakt. So lebte auch der vor einem Jahr bei den Trials mit dem Steroid Boldenone aufgefallene Sprinter Julien Dunkley in Nordamerika. Er ist für zwei Jahre gesperrt. Bei der Qualifikation vor den Olympischen Spielen 2004 wurde der Sprinter Steve Mullings des Testosteron-Dopings überführt. In Ermittlungen gegen einen Dealer sind die in den Vereinigten Staaten lebenden jamaikanischen Athleten Delloreen Ennis-London und Adrian Findley aufgefallen.

          Sie sollen Wachstumshormon und Anabolika gekauft haben. Auch große Namen des jamaikanischen Sprints sind in Zusammenhang mit Doping zu nennen. Die dreimalige Weltmeisterin Merlene Ottey, die zuletzt für Slowenien startete, hatte 1999 eine auf das Steroid Nandrolon positive Doping-Probe; sie wurde wegen Verfahrensfehlern bei der Analyse der B-Probe nicht gesperrt. Ben Johnson, der für den wohl bekanntesten Doping-Fall der Olympischen Spiele sorgte, ist gebürtiger Jamaikaner. Er startete aber, auch bei seinem annullierten Olympiasieg in Seoul 1988, für Kanada.

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