https://www.faz.net/-gai-13i3l

Das Phänomen Bolt : Fun, Fun, Fun

Der Übermensch: Usain Bolt Bild: AFP

Wie ist es möglich, dass sich die Deutschen ein Jahr nach der Empörung von Peking der Bolt-Party hingeben? Der Apostel Paulus empfahl den Läufern: „Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge.“ Doch der Jamaikaner verfolgt seinen Weg: unwiderstehlich, wie alles Sündhafte.

          4 Min.

          Usain Bolt, der coole König von Berlin, lächelt sein unverschämtestes Lächeln. Es ist die letzte Frage auf der Pressekonferenz, eine Stunde nach dem unglaublichsten Rennen der Menschheit. Und da erzählt doch ein deutscher Reporter tatsächlich von Armin Hary, der wissen will, wie Usain Bolt auf einer Aschenbahn laufen würde. Was für eine Frage! Bolt hat der Welt gerade einen Weltrekord vorgesetzt, der ihr den Atem verschlägt. Und dann soll er etwas über Aschenbahnen sagen. Bolt versteht das Wort erst gar nicht, und als man es ihm erklärt, schüttet er sich aus vor Lachen. „Old School“, sagt er glucksend, wo die Leichtathletikwelt jetzt doch eine andere ist. Nicht mehr „Old School“. Viele Reporter im Pressekonferenzzelt lachen mit. Sie sind auch angekommen in der neuen Zeit. Wegen Usain Bolt. Und der 9.58.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Wahnsinn“ ist das Wort der neuen Zeit, mit dem die Zuschauer das Olympiastadion verlassen. Ungläubig und betört zugleich. „Und nehmen Sie ein wunderbares Gänsehautgefühl mit“, ruft ihnen der Stadionsprecher mit sich überschlagender Stimme hinterher. Aber einige hundert Fans, von Ordnern nur mit Mühe zurückzuhalten, warten auf der Haupttribüne auch eine halbe Stunde nach dem Rennen sehnsüchtig darauf, mit ihren Foto-Handys noch ein bisschen mehr von Bolt mit nach Hause zu nehmen als eine flüchtige Erregung. Der schnellste Mann des Planeten ist jedoch kaum zu fassen. Er gibt ein Interview nach dem anderen. Manchmal, wenn er das Mikrofon wechselt, blickt er kurz zur Tribüne hoch und winkt in sein Publikum, geschmückt in Jamaikas Farben und in Schwarz-Rot-Gold. Das Echo ist ein Jubelsturm. Einer ruft: „God bless Usain.“

          Wie elektrisiert

          Auf den Tag genau vor einem Jahr hat Usain Bolt die deutschen Sportfans noch erschüttert. Sein Weltrekord von Peking in 9,69 Sekunden mit offenem Schuh und eingebauter Bremse war ein Schock. Der Sportphilosoph und ehemalige Leistungssportler Gunter Gebauer sah Bolt aufgestiegen zum Übermenschen, das Band zum Menschsein durchtrennt. Die Medien aus dem Land der Aufarbeitungs-Weltmeister waren fassungslos. Das düstere Bild, das sie von Bolt als Sinnbild der manipulierten Spiele zeichneten, besorgte die deutschen Sportfunktionäre und Politiker. Es geriet düsterer als in allen anderen Ländern, und so etwas schmälert die Chancen auf Olympische Spiele in Deutschland. Aber selbst Bundespräsident Horst Köhler schüttelte den Kopf nach Bolts Angriff auf die Glaubwürdigkeit. Nach dem Lauf von Berlin sagte Thomas Bach, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, ohne mit der Wimper zu zucken: „Es hat immer Jahrhunderttalente gegeben. Das hat man hier auch 1936 bei Jesse Owens gesehen.“

          Bischof Wolfgang Huber: „Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegerpreis?”

          Beschwichtigungen aber sind gar nicht mehr nötig an diesem Abend. Das Publikum ist wie elektrisiert von diesem Moment und jenem Mann, der im Olympiastadion Menschen mit großen, strahlenden Augen hinterlässt, die sich später in der U-Bahn wie nach einem eigenen Sieg auf die Schulter klopfen und sich gegenseitig versichern: „Wir waren dabei.“

          Jenseits aller Grenzen

          Wie ist es nur möglich, dass sich die Deutschen, die selbsternannten Doping-Vorkämpfer, nur ein Jahr nach der geballten Empörung von Peking der großen Bolt-Party hingeben? Man kann ja nicht wirklich behaupten, dass sie solche Probleme verdrängen oder mit südländischer Nonchalance beiseiteschieben würden. Oder dass sie nicht sehr genau informiert wären, welche Kräfte noch im Spiel sein können, um einen Menschen derart zu beschleunigen, dass er im Rekordtempo noch Zeit findet, sich ein bisschen nach den Kollegen umzugucken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.