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800-Meter-Weltmeisterin Semenya : Ist diese Lady eine Frau?

Frau? Mann? 800-Meter-Siegerin Caster Semenya muss zum Geschlechtstest Bild:

Ist 800-Meter-Siegerin Caster Semenya wirklich eine Frau? Die IAAF hat in dem heiklen Fall einen Geschlechtstest angeordnet. Das Fehlen männlicher Geschlechtsorgane liefert dabei noch keinen Beweis

          Es ist nur ein Verdacht. Und er hat ausnahmsweise nichts mit dem Thema Doping zu tun. Besser gesagt, nicht mehr. Aber er ist viel komplizierter und führt zu einer bizarren Situation bei der Pressekonferenz nach dem 800-Meter-Finale. Denn überraschenderweise nimmt oben auf dem Podium nicht die überlegene Siegerin Caster Semenya Platz, sondern IAAF-Vizepräsident Pierre Weiss setzt sich zwischen Janet Jepkosgei, die Zweite aus Kenia, und die Britin Jennifer Meadows, die ihre Bronzemedaille kaum fassen kann. Und Weiss fängt an, über die Person zu reden, auf deren Stuhl er sitzt. Über die Südafrikanerin Caster Semenya, die eine Stunde zuvor quasi aus dem Nichts Weltmeisterin geworden ist, so überlegen und in einer Zeit (1:55,45 Minuten), wie sie im vergangenen Jahr nur die Olympiasiegerin von Peking, Pamela Jelimo, erreicht hat. Doch die Kenianerin ist außer Form.

          „Es gibt Zweifel“, sagt der Generalsekretär des Internationalen Leichtathletikverbandes, „dass diese Lady eine Frau ist.“ Und er erzählt, dass zurzeit auf Veranlassung der IAAF sowohl in Südafrika als auch in Berlin eine medizinische Untersuchung laufe, die zweifelsfrei klären soll, welchem Geschlecht Caster Semenya nun wirklich angehört. Das sei ein komplexes Verfahren und könne Wochen dauern (siehe auch: Leichtathletik-Regelecke: Stichwort Sex-Test). Weiss sitzt eigentlich nur da oben, weil er Caster Semenya, „die nichts dafür kann“, vor der Öffentlichkeit schützen will. „Sie ist erst 19, sie ist auf solche Fragen nicht vorbereitet, und sie könnte sie auch gar nicht beantworten.“

          Aber wäre es nicht besser gewesen, die Südafrikanerin, die im übrigen erst 18 Jahre alt ist, erst gar nicht der großen Bühne Weltmeisterschaft auszusetzen, wenn schon derart fundamentale Dinge ungeklärt sind? „Wir haben keine Beweise, um ihr einen Start zu verwehren“, sagt IAAF-Sprecher Nick Davies: „Wir müssen das Ergebnis der Untersuchung abwarten. Es wäre falsch, sie nicht laufen zu lassen.“

          Starke Siegerin und zarte Besiegte: Caster Semenya und die Plazierten

          Die Stimme ist recht tief, das Kinn ausgeprägt

          Aber der südafrikanische Leichtathletik-Verband hätte doch längst handeln können, denn die Zweifel existieren offenbar schon länger. Spätestens aber, seitdem die Athletin aus Polokwane in der Provinz Limpopo bei den afrikanischen Jugendmeisterschaften im Juli auf Mauritius in 1:56,72 Minuten – bei starkem Gegenwind – überraschend Jahresweltbestzeit lief und nebenbei den Landesrekord der südafrikanischen Legende Zola Budd aus dem Jahre 1991 um mehr als zwei Sekunden verbesserte. Bronzemedaillengewinnerin Jennifer Meadows jedenfalls bekannte in Berlin verwundert: „Ich habe sie heute zum ersten Mal gesehen.“ Und eine Zeit um 1:55 Minuten könne zurzeit niemand sonst laufen. Aber beim südafrikanischen Verband ist man nach wie vor der Meinung, dass es keinerlei Anhaltspunkte dafür gebe, dass Caster Semenya ein Mann sei.

          Auf jeden Fall ist die Achtzehnjährige eine außergewöhnliche Erscheinung. Die Stimme ist recht tief, das Kinn ausgeprägt, die Hände sind groß, die Muskeln definiert. Und ihr Trainer Seme berichtet in der südafrikanischen Presse von einem Vorfall, als man ihr an einer Tankstelle in der Nähe von Kapstadt den Zugang zu den Damentoiletten verwehrt haben soll. Caster Semenya soll das mit Humor genommen haben. „Sie hat gefragt, ob sie ihre Hosen runterlassen soll“, wird Seme zitiert. Wenn es denn so einfach wäre.

          Das Fehlen männlicher Geschlechtsorgane liefert noch keinen Beweis

          Es ist nicht der kleine Unterschied allein, der das biologische Geschlecht bestimmt. Das Fehlen männlicher Geschlechtsorgane liefert noch keinen Beweis. Und manchmal soll selbst eine Bestimmung der Chromosomen nicht ausreichen. Für eine zweifelsfreie Bestimmung des Geschlechts, so steht es im Internetportal „Science of Sport“, und so sehen es auch die Regularien der IAAF vor, sei ein multidisziplinärer Ansatz nötig, an dem auch Gynäkologen, Psychologen, Genetiker und Endokrinologen beteiligt sein müssten. Deswegen dauert das Verfahren so lang.

          Zunächst war, in Verbindung mit einem enormen Leistungssprung – im Oktober 2008 stand ihre Bestzeit noch bei 2:04,23 Minuten – der branchenübliche Verdacht aufgetaucht: Doping. „Vor zwei Monaten war sie noch völlig unbekannt und dann solche Zeiten“, sagt Weiss. Aber die Doping-Tests seien negativ ausgefallen. Und dann habe die IAAF eine Geschlechtsprüfung angeordnet.

          Die Streichung aus der Siegerliste wäre nicht das Schlimmste

          Die war – angefangen mit dem Jahr 1968 – eine Zeitlang vor Olympischen Spielen sogar obligatorisch, aber schon vor Sydney 2000 schaffte man die Tests wieder ab. „Sie waren nicht verlässlich“, sagt Weiss. Seitdem reagiert man nur noch bei Verdacht.

          Wie bei der indischen 800-Meter-Läuferin Santhi Soundarajan, die 2006 bei den Asien-Meisterschaften in Doha die Silbermedaille gewann und sie nach einem Sextest wieder abgeben musste. Der Verlust ihres Titels droht auch Caster Semenya. „Sollte sich herausstellen, dass sie keine Frau ist, wird sie von der Siegerliste gestrichen“, sagt Weiss lapidar. Als wenn das das Schlimmste wäre.

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