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Kommentar : Die nackte Angst

  • -Aktualisiert am

Robert Harting droht Gewalt an - nun rotiert das Land Bild: dpa

Warum droht Diskus-Weltmeister Robert Harting Dopingkritikern mit Gewalt? Warum werden Dopingopfer in Deutschland verbal geprügelt? Die zunehmende Aggression der Akteure im Spitzensportsystem zeigt: sie sind von der Angst vor der eigenen Zukunft getrieben.

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          Wer ist Robert Harting? Weltmeister im Diskuswerfen und doch in seiner Haltung nur einer von vielen. Von vielen Menschen in diesem Land, die sich gestört fühlen, die aggressiv werden, jeder auf seine Art, wenn Dopingopfer den Finger in die Wunde legen. Harting hat der Wortführerin der von der Sportgemeinschaft abgelehnten Gruppe der Opfer, Ines Geipel, am Dienstag Gewalt angedroht (siehe: Robert Hartings Eklat: „Hoffe, dass der Diskus Richtung Brille springt“). Nun rotiert das Land. Der Leichtathletik-Verband schickte stante pede ein Entschuldigungsschreiben.

          Dabei haben vor Hartings erschütterndem Auswurf Denker und Taktiker versucht, die Dopingopfer mit vernichtenden Urteilen zu schlagen. Ehemalige Doping-Trainer der DDR, der frühere Verfassungsrichter Udo Steiner, Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes, und selbst der Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, Peter Danckert, sprachen zuletzt von „sogenannten“ Dopingopfern. Als müssten sich die 192 von der Bundesrepublik anerkannten Geschädigten des DDR-Spitzensports fragen, ob sie Trickser und Täuscher seien. Als wären nur die wöchentlichen Rechnungen für ihre teure medizinische Versorgung auf dem Küchentisch real.

          Warum diese Gewaltandrohung? Warum diese Aggressionen gegen eine Frau, eine Schicksalsgemeinschaft, die nichts anderes tut, als auf die zerstörerischen Kräfte von Doping-Systemen mit ihren Initiatoren und Helfern hinzuweisen? Einst leidenschaftliche wie erfolgreiche Spitzensportler stehen nach Jahren der physischen und psychischen Pein auf, überwinden unter großen Anstrengungen die Scham, schwere bleibende Schäden, sozusagen ihre Degradierung vom begeisterten Athleten zum körperlichen Wrack, öffentlich zur Schau zu stellen; und was erhalten sie dafür, abgesehen von ein paar Euro Entschädigung? Prügel.

          Wenn diese Attacken doch nur verbale Ausrutscher wären von Typen, die sich nicht unter Kontrolle haben. Man könnte sie ignorieren. Aber die gesammelten, zum Teil subtilen Anfeindungen gegen die Vereinigung der Dopingopfer sind keine oberflächlichen Wutausbrüche. Sie kommen aus der Tiefe. Sie deuten auf die Sorge, eine kleine Gruppe von Kennern und ehemaligen Könnern in der Arena könnte - endlich - rundum ernst genommen werden. Was das bedeuten würde? Frühere Doper hätten als Trainer keine Chance mehr im nach der Wende verwachsenen deutsch-deutschen Sport mit all seinen Verfehlungen.

          Die Anfeindungen kommen aus der Tiefe

          Die über Jahrzehnte praktizierte Erbfolge der Ost- und Westmanipulateure, wie sie fast in jedem Verband gefährdeter Sportarten zu erkennen ist, würde aufgebrochen. Es käme eine neue, unbelastete Generation zum Zuge. Im deutschen Sport aber fürchten viele einflussreiche Funktionäre die Konsequenzen einer solchen Erneuerung. Denn sie führte zu einem (mindestens) vorübergehenden Absturz im Medaillenspiegel, zu einem Rückzug von Sponsoren einschließlich des Bundesinnenministeriums und stellte damit die Existenz in Frage.

          Es ist also natürlich, wenn Protagonisten des herrschenden Spitzensportsystems der Aufklärung von Dopingopfern zunehmend aggressiv begegnen. Es ist ihnen lästig, ständig die Folgen der Manipulation vor Augen geführt zu bekommen, regelmäßig aus berufenem Munde zu erfahren, wie wirksam die Mechanismen noch arbeiten. Statt aber die Kinder der Manipulation als warnendes, vielleicht heilsames Beispiel in die Mitte zu stellen, schaut der Sport lieber sich selbst an. Er verweist dabei auf die zahlreichen Bemühungen, auf die Steigerung von Doping-Kontrollen, die vielen negativen Proben und stellt zufrieden fest: keine besonderen Auswüchse. So kann man auch eine große Angst bekämpfen. Die Angst, beim Blick auf Dopingopfer die eigene Zukunft zu erkennen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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