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Klosterhalfen zum Fall Salazar : „Sie waren Babys, als das passiert ist“

„Aus unserem Team betrifft das alle nicht“: Konstanze Klosterhalfen zum Fall Alberto Salazar Bild: dpa

Die Sperre von Alberto Salazar, dem Kopf des Nike Oregon Projects, ist für Konstanze Klosterhalfen ein Schock. Ihre Reaktion zeigt, dass sie die Dimension des Falles nicht verstanden hat. Sie und ihr Team laufen schweren Zeiten entgegen.

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          „Jeder, der sich nur ein bisschen in diesem Sport auskennt, weiß, dass über dieser Gruppe ein schwarzer Schatten liegt, eine schwarze Wolke“, kommentiert die einstige Weltmeisterin Jenny Simpson die Sperre, die das Nike Oregon Project (NOP) ihren Kopf gekostet hat. „Warum sich jemand dafür entscheidet, Teil dieser Gruppe zu sein, weiß ich nicht. Wer schockiert ist, kennt sich im Sport nicht aus.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als Elite der Laufwelt verstand sich das Nike Oregon Project. Alberto Salazar rief es 2001 ins Leben, um die Überlegenheit der Läuferinnen und Läufer Ostafrikas mit wissenschaftlichem Training, mit technologischen Innovationen und, wie von der amerikanischen Anti-Doping-Agentur (Usada) und dem für Doping-Sanktionen zuständigen Schiedsgericht bestätigt wurde, zweifelhaftem Umgang mit Medikamenten und Hormonsubstanzen sowie mit einem Ansatz zu Täuschung und Manipulation wett zu machen. Das Urteil bestätigt auf 140 Seiten Berichte der BBC und der Website ProPublica aus dem Jahr 2015.

          Dennoch spricht die vor bald einem Jahr aus Leverkusen nach Portland zu Salazar gewechselte und seitdem immer wieder auf die Vorwürfe angesprochene Konstanze Klosterhalfen von einem Schock. Als sie sich bei der Weltmeisterschaft von Doha am Mittwoch fürs Finale über 5000 Meter am Samstag qualifiziert hatte, machte sie bei ihrem kurzen Stopp in der Mixed Zone deutlich, dass sie die Dimension des Falles nicht verstanden hat. „Aus unserem Team betrifft das alle nicht“, behauptete sie, offenbar unter Bezug darauf, dass die inkriminierten Fälle in den Jahren 2010 bis 2014 lagen. „Wir konnten damals noch gar nicht laufen.“ Sie habe nicht vor, Konsequenzen zu ziehen.

          Alberto Salazar, für vier Jahre für jede Tätigkeit im Sport gesperrt, ist eine überlebensgroße Figur in der amerikanischen Sportwelt und in der Laufszene. In Havanna geboren, machte er sich als Läufer einen Namen, der vor allem gegenüber sich selbst rücksichtslos war. Er gewann drei Mal den New-York-Marathon. Über seinen Sieg in Boston 1982 schrieb der Autor John Brant das Buch „Duell in der Sonne“. Seine Autobiografie „14 Minuten“ war ein Bestseller; der Titel spielt auf einen Herzstillstand 2007 an.

          Nike hat ein Gebäude auf seinem Campus in Beaverton bei Portland (Oregon) nach Salazar benannt. Dort verfügen die derzeit zwölf Läuferinnen und Läufer über Bahnen und Hallen, Kraft- und weitere Trainingsräume. Bei einem Besuch vor wenigen Jahren zeigten Salazar und sein erfolgreichster Läufer, der inzwischen nach Großbritannien zurückgekehrte Mo Farah, dass zu ihrem Training auch Sprint- und Box-Übungen gehören. Salazar benutzt Unterwasser-Laufbänder für das Training seiner Athleten und Aufhängungen, um die Stöße der Schritte zu dämpfen.

          Sie schlafen, um vom Höheneffekt zu profitieren, in einem Haus mit Unterdruck; im Trainingslager in entsprechenden Zelten. Zu den Olympischen Spielen in London ließ Salazar in ein Hotelzimmer eine Kältekammer einbauen, damit Galen Rupp und Farah, die über 10.000 Meter Zweiter und Erster geworden waren, sich im Hinblick auf die 5000 Meter schneller erholen konnten. Farah gewann in seiner Heimatstadt zwei Goldmedaillen. Nike unterstützt das Projekt großzügig und nutzt es für sein Ansehen in der Laufszene.

          „Ich habe das beste Jahr gehabt und bin superglücklich, in diesem Team zu sein“, sagte die 22 Jahre alte Konstanze Klosterhalfen in Doha. „Ich freue mich jetzt schon drauf, nach der Saisonpause wieder hin zu gehen und weiter zu trainieren und besser und schneller zu werden.“ Seit ihrem Wechsel zum NOP hat sie sechs deutsche Rekorde aufgestellt, drei in der Halle, drei im Stadion.

          Zu diesem Zeitpunkt hatte sie über das vernichtende Urteil noch nicht mit ihren Eltern gesprochen, einer Lateinlehrerin und einem Rechtsanwalt. Zwar sind diese in täglichem Kontakt mit ihrer Tochter, doch ein Unglück anderer Art hinderte sie an einem Austausch. Die Reise aus Königswinter bei Bonn zur Weltmeisterschaft hatten sie bei Thomas Cook gebucht und mussten dafür sorgen, dass der Konkurs des Reiseunternehmens nicht für den Ausfall ihres Ausflugs sorgte. Am Donnerstag trafen sie ein. Dann dürfte ihr Krisenmanagement begonnen haben.

          „Sie waren Babys, als das passiert ist“

          Das Urteil gegen Salazar, nach zweijähriger Geheimverhandlung von einer Kammer der American Arbitration Association getroffen, wirft einen dunklen Schatten auf das Nike Oregon Project. Es bescheinigt Salazar, „verbotenes Doping-Verhalten orchestriert und gefördert“ zu haben und bestätigt die seit Jahren bekannten Vorwürfe, dass Salazar zu Testzwecken seine Söhne mit einer Testosteronsubstanz einrieb, dass er Athleten Substanzen verabreichte wie das Schilddrüsenhormon Thyroxin oder Asthmamittel, die medizinisch nicht indiziert waren.

          Die Läuferin Kara Goucher sagte aus, dass Salazar sie gedrängt habe, Thyroxin zu nehmen, um nach der Geburt ihres Kindes schneller Gewicht zu verlieren. Der Trainer Steve Magness musste sich ein leistungssteigerndes Sportgetränk intravenös verabreichen; es steigerte seine Insulinausschüttung und damit sein Leistungsvermögen. Das vielversprechende Resultat teilte Salazar Lance Armstrong mit: „Du wirst einen Triathlon 16 Minuten schneller absolvieren.“

          Mit dem Radprofi, der ähnlich besessen davon war, seine Leistung mit allen Mitteln zu steigern, und dem wegen jahrelangen Dopings seine sieben Siege bei der Tour de France aberkannt worden sind, ist Salazar befreundet. Auch den damaligen Vorstandsvorsitzenden Mark Parker, inzwischen als Nachfolger von Phil Knight Chairman von Nike, informierte Salazar über dieses und die Testosteron-Versuche. Parker, ehemaliger Läufer, ermutigte Salazar zu weiteren Experimenten. In Reaktion auf das Bekanntwerden der E-Mails machte er sich Salazars Behauptung zueigen, die Tests hätten nicht dem Doping gedient, sondern dem Zweck, Sabotage zu verhindern.

          Im Zusammenhang mit Infusionen von L-Carnitin, die bis zu einer bestimmten Menge nicht verboten sind, hielt Salazar seine Sportlerinnen und Sportler dazu an, diese zu verheimlichen; er selbst behinderte die Ermittlungen von Usada. Das Urteil attestiert allerdings auch, dass Salazar versehentlich Fehler gemacht und damit die Regeln verletzt habe. Er sei davon motiviert gewesen, seinen Athleten das beste Training und die besten Ergebnisse zu ermöglichen. Doch dieser Wunsch habe sein Urteilsvermögen in einigen Fällen eingeschränkt.

          Konstanze Klosterhalfen beschrieb, dass sie versuche, jede Ablenkung vom Sport auszublenden und Medien zu meiden. „Wir konzentrieren uns hier darauf, unsere Leistung zu bringen und damit zu zeigen, wie hart wir trainieren“, sagte sie. „Alberto Salazar ist der Gründungsvater, aber ich werde von Pete Julian betreut. Ich möchte das auch für die sagen, deren Trainer Alberto Salazar ist: Sie waren Babys, als das passiert ist.“ Julian ist der Assistent von Salazar und trainiert auch den neuen 800-Meter-Weltmeister Brazier. Er solle, ist zu hören, die Führung des Projekts übernehmen. „Ich will mein bestes Rennen der Saison zeigen“, kündigte Konstanze Klosterhalfen an.

          Die Athletic Integrity Unit, die vom Weltverband (IAAF) unabhängige Einheit zur Ermittlung und Sanktionierung von Doping, teilte den Athleten Salazars in Doha mit, dass sie mit diesem keinen Umgang mehr haben dürften. Eine entsprechende Regel wurde geschaffen, als russische Trainer, die in systematisches Doping verwickelt gewesen und deshalb gesperrt waren, heimlich zurückkehrten in die Leichtathletik. Athleten, die mit Salazar weiterarbeiten, drohen Sperren.

          Ohnehin drohe den NOP-Athleten ein Ansehensverlust. Man könne nicht eng mit Salazar verbunden sein, ohne dass nun mit Fingern auf einen gezeigt werde, sagte Jenny Simpson. Konstanze Klosterhalfen und ihr Team laufen schweren Zeiten entgegen.

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