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Hitze-Marathon in Doha : Erste mit der langsamsten Zeit der WM-Geschichte

  • Aktualisiert am

Noch Kraft zum Strahlen: Ruth Chepngetich mitten in der Nacht nach ihrem Sieg beim Marathon in Doha Bild: EPA

Langsam, zahlreiche Aufgaben, eine Italienerin im Rollstuhl: Die Kenianerin Ruth Chepngetich hat den umstrittenen Marathon bei der WM in Doha gewonnen, doch 28 Kolleginnen kamen nicht mal ins Ziel.

          3 Min.

          Beim letzten Interview 20 Minuten nach dem Zieleinlauf kippte Ruth Chepngetich plötzlich nach vorne. Ein Offizieller packte die neue Marathon-Weltmeisterin gerade noch am Arm. Die 25 Jahre alte Kenianerin triumphierte beim ersten Mitternachts-Lauf der WM-Geschichte in Doha, aber: Was für eine Tortur! Als Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, das Staatsoberhaupt des Emirats, um Mitternacht den Startschuss gegeben hatte, wurden 32,7 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 73,3 Prozent gemessen. Die gefühlte Temperatur lag bei über 40 Grad.

          Die 25 Jahre alte Chepngetich setzte sich nach 42,195 Kilometern in 2:32:43 Stunden durch. Es war die langsamste Siegeszeit der WM-Geschichte. Sie blieb damit mehr als zwei Minuten über der bisherigen Marke ihrer Landsfrau Catherine Ndereba, die 2007 im ebenfalls sehr heißen Osaka in 2:30:37 Minuten den zuvor langsamsten Weltmeisterschafts-Marathon gewonnen hatte. Ohnehin kamen nur 40 der 68 gestarteten Teilnehmerinnen in Katars Hauptstadt ins Ziel. „Es war ein hartes Rennen. Ich bin sehr glücklich über den Sieg und darüber, Gold nach Kenia zu bringen“, sagte Chepngetich in ihrem ersten Interview und formulierte auch gleich Medaillenwünsche für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

          Gebetet, das Rennen durchzustehen

          Auf dem Kurs über sechs Runden à 7 Kilometer an der Strandpromenade Corniche hatte Chepngetich bei einer Verpflegungsstation nach 35 Kilometern entscheidend das Tempo verschärft und sich abgesetzt. Ihre Konkurrentinnen waren noch auf ihre Trinkflaschen konzentriert. Silber ging an Bahrain und Titelverteidigerin Rose Chelimo: Die gebürtige Kenianerin kam nach 2:33:46 Stunden ins Ziel vor Helalia Johannes aus Namibia (2:34:15). Sie sagte anschließend: „Es war sehr heiß und irgendwann kam mir der Gedanke, aufzuhören. Aber ich bin weitergelaufen und habe gebetet, dass ich das Rennen beenden könnte.“ Und auch Johannes beklagte die Hitze, während ihr Sturzbäche von Schweiß über den Körper liefen: „Es war sehr heiß, die Luftfeuchtigkeit war sehr hoch.“ Eine deutsche Teilnehmerin war nicht am Start.

          Eine böse Pleite erlebte Äthiopien, dessen drei Mitfavoritinnen Ruti Aga, Roza Dereje und Shure Demise schon vor der Hälfte der Distanz aufgaben. Rio-Olympiasiegerin Jemima Sumgong (Kenia) war nicht am Start, sie ist nach einem Dopingvergehen bis 2027 gesperrt.

          An der Verpflegungsstelle: Hier hängte Ruth Chepngetich ihre Konkurrentinnen letztlich ab. Bilderstrecke

          Die Szenerie hatte trotz der beleuchteten Strecke zunehmend etwas Gespenstisches: Nur am Anfang standen noch zahlreiche Zuschauer an der Strecke. „Die Fans haben nach den ersten Runden das Interesse verloren“, sagte die amerikanische Läuferin Carrie Dimoff. „Aber die Organisation war richtig gut.“ Das befürchtete Szenario der Veranstalter, dass eine Athletin vor den Fernsehkameras zusammenbricht und diese Wüsten-WM mit ihren schwierigen Bedingungen weiter ad absurdum führt, blieb fast gänzlich aus. Allein die Italienerin Sara Dossena, EM-Sechste von Berlin 2018, musste bereits nach einem guten Viertel der Distanz entkräftet aufgeben und wurde im Rollstuhl von der Strecke gefahren. „Man kommt voller Energie her, hat sich monatelang gut vorbereitet, aber es ist einfach unmöglich, hier zu laufen. Es war schrecklich. Mein Herz hat gerast, ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt“, schilderte die 34-Jährige der Sportschau ihre Tortur. „Das ist hier kein Marathon. Es geht nicht darum, den Rhythmus zu finden. Es ist einfach ein langer Lauf, den man durchhalten muss. Und wer am Besten damit klarkommt, ist vorne.“

          „Es war wirklich beängstigend, einschüchternd und entmutigend“, sagte auch Kanadas Lyndsay Tessier, die Neunte wurde: „Ich bin einfach nur sehr dankbar, dass ich auf den Beinen ins Ziel gekommen bin.“

          Gespenstische Atmosphäre trotz Küsschen

          Jubel war bei Chepngetichs Zieleinlauf vor einem kleinen Publikum kaum zu hören. Immerhin bekam die Siegerin ein Küsschen von Weltverbandspräsident Sebastian Coe, ehe sie weitergereicht wurde und ihr dann irgendwann endgültig die Kräfte schwanden.

          Die Kenianerin hatte sich mit ihrem Streckenrekord beim Dubai-Marathon Ende Januar als WM-Favoritin empfohlen. Damals gewann sie in 2:17:08 Stunden – die drittbeste je gelaufene Zeit. Nur Weltrekordlerin Paula Radcliffe (Großbritannien/2:15:25) und Afrika-Rekordlerin Mary Keitany (Kenia/2:17:01) waren schneller. An solche Zeiten war in Doha nicht zu denken. Vielmehr benötigten am Ende einige Läuferinnen Infusionen, andere, die sich ins Ziel geschleppt hatten, brachen in Tränen aus und waren fortan auf den Rollstuhl angewiesen. Die Beine trugen nicht mehr.

          Im Zielraum stand jedoch auch die 41 Jahre alte Roberta Groner aus den Vereinigten Staaten. Sie bildet im Hauptberuf Krankenschwestern aus und ist Mutter von drei Kindern. Nach 2:38:44 Stunden kam sie als sagenhafte Sechste ins Ziel – und hatte noch Luft für jede Menge Interviews. „Ich weiß meine Zeit nicht, aber ich bin absolut zufrieden“, sagte sie und redete und lachte und hörte gar nicht mehr auf damit.

          Aufgrund der Hitze in Katar mit Tagestemperaturen über 40 Grad wurden die Straßenwettbewerbe in die Nacht verlegt. Die Geher und Geherinnen werden am Samstag über 50 km erst um 23.30 Uhr Ortszeit (22.30 Uhr MESZ) auf die Reise geschickt, im Ziel werden sie zwischen 3.15 und 4.00 Uhr am Morgen sein. Der Marathon der Männer findet in der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober statt.

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