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Leichtathletik-WM : Bronze für Nadine Müller in der deutschen Domäne

Ein Küsschen für die Muckis: Nadine Müller wird in Peking Dritte. Bild: dpa

Operation, Entzündung, chronische Schmerzen – lange musste Nadine Müller um ihr Comeback kämpfen. Nun gewinnt sie in Peking WM-Bronze mit dem Diskus – und Deutschland ist einmal mehr das Land der Werfer und Stoßer.

          Eine einzige Medaille gab es zu holen im Diskuswerfen. Nadine Müller hat beherzt zugegriffen. Gold und Silber hatte die Konkurrenz in Gedanken längst den beiden überragenden Werferinnen der Saison überlassen: Denia Caballero und Sandra Perkovic. Die kubanische und die kroatische Siebzig-Meter-Werferin wurden bei der Weltmeisterschaft im Vogelnest von Peking am Dienstagabend Erste (mit 69,28 Meter) und Zweite (67,39). Olympiasiegerin und Titelverteidigerin Perkovic verdrängte mit ihrem sechsten und letzten Wurf Nadine Müller, die Weltmeisterschafts-Zweite von 2011, vom zweiten auf den dritten Platz.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die große Blonde aus Halle an der Saale war glücklich mit ihren 65,53 Meter. Eine Knieverletzung hatte sie fast zwei Jahre außer Gefecht gesetzt. Operation, Entzündung, chronische Schmerzen – die bald dreißig Jahre alte Athletin musste länger und härter um ihr Comeback kämpfen, als sich vorgestellt hatte. Erst seit Ende vergangenen Jahres trainiert sie wieder. „Ich bin noch lange nicht da, wo ich schon mal war“, sagte sie. „Mit dieser Medaille belohne ich mich auf dem Weg nach Rio. Dies ist eine Zwischenstation. Vielleicht kann ich bei den Olympischen Spielen noch was draufpacken.“

          Die Bronzemedaille wird der Mannschaftsleistung der deutschen Diskuswerferinnen nicht gerecht. Die 1,93 Meter große Nadine Müller, die 1,92 Meter große Berlinerin Julia Fischer (die mit 63,88 Meter Fünfte wurde) und die 1,84 Meter große Mannheimerin Shanice Craft (Siebte mit 63,10 Meter) beeindruckten in Peking allein durch ihre Präsenz.

          Glücklich mit Bronze: Nadine Müller ist zufrieden mit Platz drei.

          Nur aus Kuba und den Vereinigten Staaten hatten es jeweils zwei Diskuswerferinnen in die Top 12 dieses Abends gebracht; die beiden Amerikanerinnen überstanden im Finale nicht den Cut nach drei Versuchen. Drei Athletinnen unter den besten Acht: das ist einzigartig. Eine Kandidatin fürs Finale hat die deutsche Mannschaft trotz Qualifikation sogar zu Hause lassen müssen: Anna Rüh aus Neubrandenburg. Mit ihrer Bestleistung von 66,14 Meter ist sie weltweit die Nummer fünf des Jahres.

          Werfen und Stoßen: eine deutsche Domäne. Mit dem Titel von Christina Schwanitz im Kugelstoßen und Platz zwei für David Storl stammen drei von vier Medaillen der Auswahl von Chef-Bundestrainer Idriss Gonschinska aus einer dieser hochkomplexen Disziplinen. Bei den Diskuswerferinnen entsteht die Leistung auch aus der starken Konkurrenz.

          Anfällige Disziplin für systematisches Doping

          „Das Niveau hat sich nach oben geschraubt“, sagt die deutsche Meisterin Julia Fischer, die Lebensgefährtin von Diskus-Olympiasieger Robert Harting. „Wir haben die Lücke, die Franka Dietzsch hinterlassen hatte, geschlossen.“ Der Erfolg liegt in der Tradition, die Tradition entspringt einer Reihe von Erfolgen. Seit Gisela Mauermayer 1936 hat es durch Evelin Jahl (1976 und 1980), Martina Hellmann (1988) und Ilke Wyludda (1996) fünf Olympiasiege von deutschen Diskuswerferinnen gegeben; Martina Opitz (1983), Martina Hellmann (1987) und Franka Dietzsch (1999, 2005 und 2007) gewannen fünf Weltmeisterschaften.

          Die Kombination aus Technik und Kraft machte die Disziplin anfällig für systematisches Doping. Der Weltrekord, den die Cottbuserin Gabriele Reinsch in der DDR des Jahres 1988 auf 76,80 Meter steigerte, liegt außerhalb der Wurf- und Vorstellungskraft der heutigen Generation wie auch der Rekord der Männer. An den 74,08 Meter des heutigen Bundestrainers Jürgen Schult von 1986 haben sich schon die Besten der Welt die Zähne ausgebissen.

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          Heute kommt Talent offenbar in Wellen, oder es kommt gar nicht. Abgesehen von den singulären Erscheinungen Christina Schwanitz und David Storl im Kugelstoßen ist auch bei den Männern der Diskuswurf stark besetzt. Trotz der Abwesenheit von Robert Harting treten in Peking drei Werfer an: Christoph Harting, Martin Wierig und Daniel Jasinski. Im Speerwurf waren es sogar jeweils vier: Linda Stahl, Katharina Molitor und Christin Hussong sowie Weltmeisterin Christina Obergföll mit Wild Card haben die Qualifikation noch vor sich.

          Bei den Männern starten an diesem Mittwoch im Finale Andreas Hoffmann, Johannes Vetter und Thomas Röhler, Sieger der Diamond League und seit drei Jahren deutscher Meister. Lars Hamann ist in der Qualifikation ausgeschieden. Matthias de Zordo, Weltmeister von 2011, arbeitet zu Hause in Magdeburg am Comeback von einem Riss der Achillessehne. Ein System sieht der Thüringer Röhler nicht in der Masse von Weltklasse: „Im Speerwurf kommt jeder aus einem anderen Kaff. So funktioniert das in Deutschland, und so ist das auch in Finnland.“

          „Ein Mannschaftswettbewerb? Das wäre super“

          Im vergangenen Jahr hat der Weltverband der Leichtathleten eine inoffizielle Weltmeisterschaft für Staffeln eingeführt. Mannschaften aus Läuferinnen und Läufern starten sowie Teams aus Läufern verschiedener Distanzen. Man könnte in den Wurfdisziplinen, wollte man ein Äquivalent schaffen, lediglich Weiten addieren. Besser aber wäre eine originelle Idee zur Kombination der Würfe.

          „Ein Mannschaftswettbewerb? Das wäre super“, sagte Shanice Craft. „Vielleicht eine Staffel.“ Überhaupt haben die deutschen Werferinnen ein paar Ideen: Bei den deutschen Meisterschaften dieses und des vergangenen Jahres sind Kugelstoßen vor dem Ulmer Münster und Weitsprung auf dem Nürnberger Markt ausgetragen worden. „Es wäre nur logisch, auch Diskuswerfen in die Stadt zu bringen“, sagt Nadine Müller. „Wenn man den richtigen Veranstalter dafür fände, ich würde ihn unterstützen.“

          Glückliche Dritte: Nadine Müller holt WM-Bronze.

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