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Läuferin Caster Semenya : „Wenn ich pinkele, pinkele ich wie eine Frau“

Die Diskussionen um Caster Semenya nehmen kein Ende. Ist jetzt endlich eine Lösung in Sicht? Bild: AFP

Die Diskussionen um Läuferin Caster Semenya nehmen kein Ende. Hohe Testosteronwerte sollen ihr Vorteile verschaffen. Nach der WM beschäftigt sich das höchste Sportgericht mit dem Fall.

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          Eigentlich wäre Caster Semenya erst am Sonntag in einer Woche dran, dann ist das Finale im 800-Meter-Lauf der Frauen. Doch die Olympiasiegerin von London 2012 und Rio 2016, Weltmeisterin von Berlin 2009 und Daegu 2011 hat sich bei der Weltmeisterschaft in London auch für die fast doppelt so lange Strecke gemeldet: die 1500 Meter. An diesem Montag (22.50 Uhr MESZ / Live in der ARD und bei Eurosport) wird die Läuferin aus Südafrika es im Finale auf den fast vier Runden mit der kenianischen Olympiasiegerin Faith Kipyegon aufnehmen, der offenbar angeschlagenen äthiopischen Weltmeisterin Genzebe Dibaba, der aus Äthiopien stammenden niederländischen Europameisterin Sifan Hassan – und der Überraschungs-Finalistin Hanna Klein aus Schorndorf in Rheinland-Pfalz.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Besten laufen deutlich unter vier Minuten; Genzebe Dibaba, die junge Schwester von Tirunesh und Ejegajehu Dibaba, hält seit zwei Jahren den Weltrekord mit 3:50,07 Minuten. Caster Semenya dagegen ist den vier Minuten höchstens um knapp zwei Sekunden nahe gekommen. Aber sie wirkt stets, als laufe sich nicht so schnell, wie sie wirklich kann, sondern nur schnell genug, um zu siegen.

          Mag sein, dass sie sich zu der neuen Herausforderung gedrängt fühlt. In vier Wochen wird vor dem höchsten Schiedsgericht des Sports, dem Cas in Lausanne, das Verfahren wiederaufgenommen, das die indische Sprinterin Dutee Chand vor zwei Jahren gegen den Leichtathletik-Weltverband (IAAF) anstrengte. Es geht um dessen Umgang mit Hyperandrogenämie, der erhöhten Produktion von männlichem Sexualhormon bei Frauen. Der Cas zwang die IAAF, die Definition eines Grenzwertes aufzugeben, der über Zulassung und Ausschluss entschied und der, man kann es nur vermuten, Caster Semenya bremste, indem er sie dazu zwang, ihre körpereigene Hormonproduktion mit Medikamenten zu regulieren. Sie äußerte sich zwar nie darüber, ob sie sich nach der unwürdigen Diskussion über ihre Weiblichkeit, die ihr Sieg bei der WM 2009 in Berlin auslöste, einer Behandlung unterzog. Die IAAF will, dass aus Gründen der Fairness ein Grenzwert Frauen ohne erhöhte Testo-Levels schützt.

          Caster Semenya (rechts) ist deutlich muskulöser gebaut als ihre Konkurrentinnen.

          Als der Cas den Grenzwert von 10 Nanomol Testosteron (pro Liter Blut) aufhob, verbesserten sich die Leistungen von Caster Semenya signifikant. Die mit 1,78 Meter Körpergröße fast all ihre Konkurrentinnen überragende und deutlich massivere Caster Semenya brachte beim Diamond-League-Meeting von Monaco 2016 die 800 Meter auf einmal in 1:55,27 Minuten hinter sich – das waren acht Sekunden weniger als beim Gewinn der Weltmeisterschaft im Jahr zuvor. So schnell wie sie war seit fast zehn Jahren keine Frau mehr gewesen. Bei diesem Tempo ist sie geblieben: Beim Gewinn der Goldmedaille in Rio war sie vier Hundertstelsekunden schneller, dieses Jahr verbesserte sie in Monaco ihre Bestzeit um eine weitere Hundertstelsekunde. Den Weltrekord der Tschechin Jarmila Kratochvilova von 1983, aus der Zeit des Kalten Krieges, will sie angeblich nicht angreifen; er steht bei 1:53,28 Minuten. Rekorde interessierten sie nicht, sagte sie in Rio; sie habe Spaß am Siegen. Auf die Frage, ob sie gezwungen gewesen sei, Medikamente zu nehmen, antwortete sie nicht. Sie wolle sich über den Sieg freuen, sonst nichts, sagte sie.

          Die Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Studie, mit der die IAAF in das Verfahren ziehen will, hat Caster Semenya offenbar in Rage gebracht. Dem südafrikanischen Fernsehsender SuperSport TV gab sie ein Interview, in dem sie klagte: „Ich verstehe nicht, dass man sagt, ich hätte einen Vorteil, weil ich ein Mann sei.“ Für ihre Weiblichkeit führte sie einen schlagenden Beweis an: „Wenn ich pinkele, pinkele ich wie eine Frau. Ich verstehe nicht, wenn man sagt, ich sei ein Mann oder ich hätte eine tiefe Stimme. Ich weiß, dass ich eine Frau bin, das ist keine Frage für mich.“ Seit anderthalb Jahren sind Caster Semenya und ihre Partnerin Violet Raseboya verheiratet.

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          Die Wissenschaftler von der Universität Nizza und dem Institut für Sport, Medizin und Chirurgie in Monaco, die von der IAAF mit der Untersuchung beauftragt wurden, kommen zu dem Ergebnis, dass hohe Testosteronwerte positive Auswirkungen auf die Leistung in Hammerwurf, Stabhochsprung und 400-Meter-Lauf haben sowie in Caster Semenyas Disziplinen, den 800 und 1500 Metern. Der Vorteil soll bei bis zu 4,5 Prozent liegen. Die Forscher stellen auch fest, dass in anderen Disziplinen, darunter dem Sprint, diese medizinische Kondition keine Vorteile, womöglich sogar Nachteile bringe. Doch das ist nur ein Aspekt der Auseinandersetzung. Caster Semenya, Dutee Chand und einige andere Sportlerinnen verfügen offenkundig über einen Vorteil im sportlichen Vergleich. Darf ein Verband sie zwingen, das, was ihren Vorteil ausmacht, medizinisch zu behandeln? Gilt es, zu respektieren, dass es keine Einteilung aller Menschen in Männer und Frauen gibt? Oder muss ein Sportverband, was er unter Fairness versteht, gegen angeborene Vorteile verteidigen?

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