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Leichtathletik-WM : Diskus-Olympiasieger Harting verpasst Medaille

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Robert Harting warf seinen Diskus auf 65,10 Meter und wurde Sechster. Bild: AP

Bei einem letzten Auftritt bei einer Leichtathletik-WM landet Robert Harting nicht auf dem Podest. Eine Überraschung gelingt dagegen Hanna Klein. Und eine Deutsche führt beim Siebenkampf.

          Diskus-Olympiasieger Robert Harting ist bei der letzten Weltmeisterschaft seiner Karriere leer ausgegangen. Der 32-jährige Berliner wurde am Samstag im Finale von London mit 65,10 Meter nur Sechster. „WM-Sechster war ich noch nicht, aber es ist okay“, meinte er. Harting konnte fünf Jahre nach seinem Olympia-Triumph an der Themse mit der Konkurrenz nicht mithalten: Der Litauer Andrius Gudzius holte sich den WM-Titel mit 69,21 Meter vor Topfavorit Daniel Stahl aus Schweden, der zwei Zentimeter weniger weit warf. Dritter wurde Mason Finley (Vereinigte Staaten) mit 68,03 Meter.

          Trotz des großen Weiten-Unterschieds hatte sich der deutsche Vorzeige-Werfer noch Hoffnung auf Bronze gemacht. „Ganz unmöglich war es nicht, aber ich hatte viele technische Probleme“, berichtete Harting, der nur noch einen weiteren gültigen Wurf über 64,75 Meter zustande brachte. Sein jüngerer Bruder Christoph, der 2016 in Rio Olympiasieger wurde und nach dem Scheitern in der nationalen Qualifikation nur auf der Tribüne saß, klatschte bei jedem Wurf von Robert eher zögerlich und gelangweilt. Beide haben eine sehr angespannte Beziehung.

          In der Qualifikation flog der Diskus noch „nach Plan“ (Harting) und  mit dem ersten Wurf auf finaltaugliche 65,32 Meter. Für den dreimaligen Weltmeister von 2013, 2011 und 2009 war dies nicht nur kräftesparend. Es sollte auch ein Signal an die Konkurrenz sein, ihn nach dem schwerem Formaufbau nach einem Kreuzbandriss im Medaillenkampf ernst zu nehmen - und nicht als „Heulsuse“ anzusehen. Schließlich hatte der 2,01 Meter Koloss ja auch noch lange daran zu knabbern, dass er bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro gehandicapt durch einen Hexenschuss in der Vorrunde ausschied und sein Bruder Christoph Gold gewann.

          Herausfordernd hatte Robert Harting einen Tag vor dem Auftritt in London auf seinem Twitter-Account eine Fotocollage mit der Aufschrift „Ready for Rumble“ veröffentlicht. Darauf sieht man ihn, wie er auf die Porträts der neun Diskuswerfer schaut, die vor der WM in der Weltrangliste vor ihm gelegen haben. Nach der erfolgreichen Ausscheidung twitterte er vielsagend: „Quali, Licht. Bis morgen“.

          Die souverän gemeisterte Qualifikation und die Atmosphäre im Londoner Olympiastadion, in dem er sich nach dem olympischen Gold-Triumph an der Themse von 2012 wie in seinem Wohnzimmer wohl fühlte, beflügelten ihn zusätzlich. Ebenso das nach einem schwachen Saisondebüt aufgekommene Gefühl, dass nicht wenige den Glauben an seine Leistungsfähigkeit verloren zu haben schienen. „Alle hatten mich da schon abgeschrieben“, sagte Harting. „Da drehe ich erst richtig frei, das stachelt mich erst richtig an!“ Am Ende nutzte alles nichts. „Bei solchen Wettkämpfen braucht man totale Kontrolle, das war heute nicht der Fall“, bekannte Harting, der nach seinem letzten WM-Start auch „etwas traurig“ war. Nun hofft Harting auf ein Happy End bei der EM 2018 in Berlin, wo er seine Abschiedsvorstellung geben will.

          Hanna Klein konnte ihr Laufglück kaum fassen.

          Hanna Klein von der SG Schorndorf ist derweil überraschend ins Finale über 1500 Meter gerannt. Die 24-jährige Psychologie-Studentin belegte im ersten Halbfinale in 4:04,45 Minuten Rang fünf. Die höher gehandelte Konstanze Klosterhalfen aus Leverkusen verpasste hingegen den Endlauf am Montagabend. Die 20-Jährige wagte etwa 800 Meter vor dem Ziel einen Sololauf, wurde aber am Ende gnadenlos von den Konkurrentinnen auf den achten Platz (4:06,58) durchgereicht. Auch bei den Olympischen Spielen 2016 war das Halbfinale Endstation für Klosterhalfen. Klein musste sich im ganz stark besetzten erste Lauf behaupten. Olympiasiegerin Faith Chepngetich Kipyegon aus Kenia (4:03,54), die britische Mitfavoritin Laura Muir und Südafrikas 800-Meter-Ass Caster Semenya kamen in dieser Reihenfolge ins Ziel. Beim Diamond-League-Meeting im Juni in Rom hatte Klosterhalfen in 3:59,30 Minuten als erste deutsche Läuferin seit 30 Jahren die prestigeträchtige Vier-Minuten-Marke unterboten. Sie gilt als größtes Lauftalent in Deutschland.

          Die Frankfurterin Carolin Schäfer hat bei der Leichtathletik-WM die Führung im Siebenkampf übernommen. In den vier Disziplinen des ersten Tages sammelte die 25-Jährige am Samstag in London 4036 Punkte. Im abschließenden 200-Meter-Lauf übertrumpfte Schäfer die bis dahin führende Belgierin Nafissatou Thiam (4014). „Ich bin wunschlos glücklich. Es war ein grandioser erster Tag und es ist riesig, hier zu sein“, sagte Schäfer. „Strahlen kann ich mir erlauben bei diesem Ergebnis.“ Auf Rang drei vor dem Weitsprung, Speerwerfen und 800-Meter-Lauf am Sonntag liegt Yorgelis Rodriguez aus Kuba mit 3905 Punkten.

          Carolin Schäfer liegt nach dem ersten Tag im Siebenkampf vorne.

          Die Olympia-Fünfte Schäfer war in 13,09 Sekunden über 100 Meter Hürden die drittschnellste Zeit gelaufen und hatte mit 1,86 Metern ihre persönliche Bestleistung im Hochsprung eingestellt. Im abschließenden 200-Meter-Sprint rannte sie 23,58 Sekunden. Thiam verlor in 24,57 Sekunden hier 94 Punkte auf Schäfer. Mit 3655 Zählern belegt Schäfers Klubkollegin Claudia Salman-Rath  den 13. Rang des Zwischenklassements. Im Hürdensprint erreichte sie 13,52 Sekunden und im Hochsprung war für sie bei 1,74 Metern Endstation. Mitfavoritin Katarina Johnson-Thompson musste sich nach dem Hochsprung aus dem Spitzenkampf verabschieden: Die Britin enttäuschte mit 1,80 Meter und verlor damit rund 200 Punkte auf ihre Konkurrentinnen.

          Schäfer hatte sich mit 6836 Punkten, der zweitbesten Ausbeute des Jahres, beim Meeting in Götzis als Medaillenkandidatin empfohlen. Die 22 Jahre alte Olympiasiegerin Thiam führt die Weltbestenliste mit 7013 Punkten an und gilt als starke Speerwerferin am zweiten Tag. Für Schäfer wäre es die erste internationale Medaille auf der ganz großen Bühne. 2008 war sie bereits U20-Weltmeisterin.

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