https://www.faz.net/-gtl-2sua

Leichtathletik-WM : Hoch gepokert: Martin Buß gewinnt Gold

  • -Aktualisiert am

2,36 Meter, persönliche Bestleistung: „Wahnsinn” Bild: AP

Im allerletzten Versuch sprang Martin Buß mit persönlicher Bestleistung von 2,36 Metern vom vierten auf den ersten Platz: Weltmeister!

          3 Min.

          Es muss wohl an der Zeitverschiebung gelegen haben. Einen Tag nach dem eigentlich eingeplanten deutschen Medaillen-Dienstag gewann Martin Buß überraschend die Goldmedaille im Hochsprung.

          Und nur eine Stunde später krönte Lars Riedel mit seinem fünften Weltmeistertitel im Diskuswerfen den goldenen Mittwoch, zu dem Michael Möllenbeck noch eine Bronzemedaille zusteuerte (siehe auch: Lars Riedel bleibt Herr der Ringe).

          Persönliche Bestleistung war gefordert

          Es war seine letzte Chance. Martin Buß lag auf dem vierten Platz, den er schon oft, viel zu oft belegt hatte. 2,33 Meter hatte er einmal gerissen, seine Kontrahenten Sotomayor, Woronin und Rybakow waren dagegen im ersten Versuch über die Latte geflogen. Da ihm 2,33 im zweiten Versuch nicht unter die besten drei geholfen hätte, ließ der deutsche Meister die Latte höher legen.

          Den ersten Versuch über 2,36 Meter riss der 25-Jährige ebenso wie die anderen im Wettbewerb verbliebenen Hochspringer. Ihm blieb noch ein einziger letzter Versuch. Noch nie war der gebürtige Berliner so hoch gesprungen. 2,36 Meter - das war nicht nur persönliche Bestleistung, sondern Weltjahresbestleistung.

          Die Söhne sprangen mit

          Es war viertel nach vier in der Nacht nach mitteleuropäischer Zeit, die beiden Söhne von Martin Buß Yannik (3) und Dominik (1) schliefen längst, konnten dem Papa nicht zusehen bei dem größten Sprung seines Lebens. Doch Martin Buß hatte sie nicht nur im Herzen, sondern auch auf der Brust, denn unter dem Trikot trug der Familienmensch ein T-Shirt mit dem Konterfei seiner Jungs.

          Sie haben ihn beflügelt: Buß schaffte die Höhe ohne zu wackeln. Den Schrei, den er unmittelbar nach der Landung durchs Commonwealth-Stadion schallen ließ, hätte den Diskuswerfern auf der Gegenseite gut zu Gesicht gestanden. Die Augen weit aufgerissen, den Mund noch viel weiter, die Arme in der Höhe. Vorläufig Platz eins.

          Genuss beim Zuschauen

          „Ich genieße es, Sotomayor springen zu sehen“, hatte Buß gesagt, als er 1997 zum ersten Mal an einer WM teilgenommen hatte. Seinen neunten Platz fand er damals weniger wichtig als das Studium des Sprungstils des kubanischen Weltrekordhalters. Diesmal genoss Buß es noch mehr: Javier Sotomayor war der erste, der die Höhe nicht schaffte, und damit stand schon fest: wie 1999 mindestens Bronze.

          Zwei Minuten später riss Titelverteidiger Woronin: Silber war sicher. Und dann schaffte es auch der bis dahin so sichere Rybakow nicht: Gold für Buß, mit dem nach einer verkorksten Saison keiner richtig gerechnet hatte.

          Er steht nun auf einer Stufe mit den Olympiasiegern Gerd Wessig (1980) und Dietmar Mögenburg (1984), ist aber der erste deutsche Weltmeister im Hochsprung. Auch finanziell lohnt sich der Titel, 60.000 Dollar Prämie gibt es - 254 Dollar für jeden Höhenzentimeter.

          Krankenakte geschlossen.

          Martin Buß hatte sich nach einer Achillessehnenoperation mit kleinen Höhen herumgequält, an sich gezweifelt, krank gefühlt. Vom Pfeifferschen Drüsenfieber war die Rede. Buß wollte schon aufhören. Es ging erst mit ihm aufwärts, als ihn der Arzt der deutschen Olympiamannschaft Professor Kindermann richtig durchgecheckt hatte, „mit EKG und allem was dazu gehörte“ und ihn mit den Worten: „Du bist kerngesund“, heimgeschickt hatte.

          Diese Diagnose reichte. „Seit dem ich weiß, dass ich nicht krank bin, fühle ich mich besser, springe höher“, sagte der sensible Springer, der einst Fußball spielen wollte, aber mit den Worten „Du bist zu elegant für Fußball“ wieder nach Hause geschickt wurde. Bei den Neuköllner Sportfreunden fand der großgewachsene und schlanke Mann dann seine Bestimmung: Leichtathletik.

          Hochsprung oder Raumfahrtechnik

          Seit seinem 17. Lebensjahr ist Martin Buß Hochspringer. Der Ex-Zehnkämpfer Rainer Pottel nahm sich seiner an und führte ihn in die europäische Spitze. Obwohl der stets selbstkritische Athlet seine eigene Technik als miserabel bezeichnete, entschied er sich nach dem Abi für das Hochspringen und gegen ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik, was ja auch nahe gelegen hätte. Als Zeichen seines Anspruchs hatte er sich die olympischen Ringe auf den Oberarm eintätowiert.

          300 Mark Sporthilfe am Anfang, jetzt 60.000 Dollar Siegprämie für einen goldenen Sprung. Ob er an das Geld gedacht hat? „Diesmal ja! Ich bin schon so oft für nichts gesprungen, diesmal habe ich dran gedacht.“ Das Trainingslager vor der WM in Calgary habe ihm Selbstvertrauen gegeben. „Da bin ich so gut gesprungen wie noch nie im Training.“ Plötzlich wich der Frust der Saison einem neuen Selbstbewusstsein „Ich hab es irgendwie gewusst, das ich heute gewinnen kann.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der türkische Präsident mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia

          Zukunft der Türkei : Kommt jetzt das Kalifat?

          Versperrte Wege: Wofür die Türkei dem Westen nicht mehr zur Verfügung steht und wohin sie unter dem „neuen Sultan“ treibt. Ein Gastbeitrag.
          Der Hauptangeklagte Stephan E. mit seinem Verteidiger.

          Geständnis von Stephan E. : „Es war falsch, feige und grausam“

          Eine schwere Kindheit, Jähzorn und Ausländerhass, der vom Vater übernommen sein soll. Nach dem Geständnis von Stephan E., Walter Lübcke erschossen zu haben, ist dessen Familie empört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.