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WM-Vergabe an Eugene : Wo bleibt Coes Erklärung?

Sebastian Coe: Job bei Nike, aber nicht für Eugene geworben? Bild: AFP

Die Leichtathletik-WM 2021 war ohne Bewerbungsverfahren an Eugene vergeben worden, den Gründungsort von Nike. Daraus ergeben sich „gute Fragen an Sebastian Coe“, der dem Sportartikel-Giganten eng verbunden ist.

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          „Es stinkt, und es muss ermittelt werden.“ Björn Eriksson ist längst nicht mehr Polizist. Doch seit der Weltverband der Leichtathleten (IAAF) die von Eriksson vertretene Bewerbung Göteborgs um die Weltmeisterschaft 2021 praktisch mit einem Fußtritt beendete, weiß er, dass die Vorgänge dort einen aufmerksamen Blick verdienen. Auch die zwischenzeitliche Verhaftung des damaligen Verbandspräsidenten Lamine Diack im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen Korruption und Geldwäsche haben Eriksson nicht beruhigt.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Im April schlug Diack, aus heiterem Himmel, wie es schien, ohne Bewerbungsverfahren, auf einer Sitzung in Peking der kleinen amerikanischen Universitätsstadt Eugene (Oregon) die WM zu. Der amerikanische Sportartikelhersteller Nike wird in Eugene seine Gründung dort fünfzig Jahren zuvor mit einer angemessenen Veranstaltung feiern können. Als strategische Entscheidung für den amerikanischen Mark und als einmalige Chance vertraten Diack und Coe vor sieben Monaten den Coup, dem ihr Council mit 23 von 25 Stimmen zustimmte. Nur sechs Monate vorher hatten sie bei der Vergabe der WM 2019 Eugene zugunsten des überaus großzügigen finanziellen Angebots der qatarischen Hauptstadt Doha durchfallen lassen.

          Was im April kaum jemand wusste: Coe war, wie als Athlet und zweifacher Olympiasieger, mit Nike verbunden. Selbst als er im August Nachfolger von Diack wurde, beharrte er darauf, dass sein Vertrag als „senior advisor“ keinerlei Interessenskonflikt berge. Nun zitiert der britische Sender „BBC“ eine E-Mail aus dem Januar, Betreff „2021“. Darin schreibt Craig Masback, Direktor im internationalen Marketing von Nike, Coe habe ihm versichert, er sei wegen der WM 2021 in Eugene auf Diack zugegangen und habe den deutlichen Bescheid bekommen, dieser werde auf der Sitzung im April nichts in dieser Hinsicht unternehmen. „Seb machte klar“, schreibt Masback weiter, „dass er, wenn er zum Präsidenten gewählt ist, bereit ist zu erwägen, schon im nächsten November den WM-Ort 2021 zu wählen.“ Sollte das zutreffen, hätte Coe angekündigt, die Vergabe der WM um ein Jahr vorzuziehen, vermutlich auf die Sitzung des Councils, die turnusgemäß an diesem Donnerstag in Monte Carlo stattfindet. Aus anderen Mails gehe hervor, berichtet die BBC, dass Vin Lananna, Chef des Bewerbungskomitees und einer der Adressaten der Mail, daraufhin Diack in Europa traf. Am 16. April gab die IAAF ihre Entscheidung für Eugene bekannt.

          Coe bestreitet, für Eugene geworben zu haben

          „Das sieht nicht gut aus“, sagt Eriksson, von der „BBC“ mit deren Erkenntnissen konfrontiert. „Dafür hätte ich gern eine Erklärung.“ Der Schwede dürfte aufgrund seiner Erfahrung Vermutungen haben. 1984 wurde er, Chef der schwedischen Reichspolizei, zum Präsidenten von Interpol gewählt. „Dies ist eine sehr gute Frage für Sebastian Coe“, sagt der 65-jährige. „Was ist das?“

          Coe bestreitet, für Eugene geworben zu haben. Er habe die Amerikaner ermutigt, es noch einmal zu versuchen. Ermutigt und nicht im Geringsten auf die Überraschung im April oder eine sonstige Beschleunigung des Verfahrens vorbereitet hat Coe allerdings auch Göteborg und Eriksson. Coe verteidigt sich damit, dass er von Diack und dessen Plänen überrascht worden sei, als die Entscheidung auf die Tagesordnung gelangte. Die IAAF teilt mit, Coe habe bei seiner zitierten Frage Klarheit über den Gang des Verfahrens wollen.

          Richard Pound, der Leiter der unabhängigen Untersuchungskommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), kündigt unterdessen über den Nachweis systematischen Dopings in Russland hinaus brisante Enthüllungen über an; ein Teil seines Berichts über die IAAF wird zurückgehalten, um die Ermittlungen von Polizei und Justiz nicht zu gefährden. „Wenn wir diese Informationen veröffentlichen“, sagte Pound dem „Independent“, „wird das einen Wow-Faktor haben. Die Leute werden sagen: Wie auf Erden konnte das passieren? Dies ist der völlige Verrat dessen, was Leute, die für den Sport verantwortlich sind, tun sollten.“

          „Seb Coe sollte seinen Job bei Nike beenden“

          Die französische Justiz ermittelt gegen Diack und Komplizen. Sie sollen Doper erpresst und deren Sperre gegen Zahlung verhindert haben. Über Korruption im Zusammenhang mit der Vergabe der WM 2021 ist bisher nichts verlautet.

          „Seb Coe sollte seinen Job bei Nike beenden, wenn er Präsident der IAAF bleibt“, twitterte der britische Abgeordnete Damian Collins. „Der Eindruck von Interessenskollision ist zu groß.“ Collins und der Ausschuss für Kultur, Medien und Sport haben Coe für Mittwoch nächster Woche zur Befragung eingeladen. Da werden auch die 63.000 Pfund eine Rolle spielen, die der britische Steuerzahler via UK Sports zur Wahlkampagne von Coe beitrug; weitere zwei Drittel, teilt die IAAF mit, seien private Spenden gewesen.

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