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Zwang gegen Athletinnen : Unmenschliche Fairness

Bittere Niederlage für Semenya vor dem Schweizer Bundesgericht. Bild: dpa

Gesunde Athletinnen sollen ohne medizinische Notwendigkeit zu Eingriffen gezwungen werden. Eine fatale Entscheidung, die mit Gleichberechtigung und Chancengleichheit legitimiert wird.

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          Jetzt haben Sebastian Coe und sein Internationaler Leichtathletik-Verband es höchstrichterlich: Sie dürfen kerngesunde Frauen zu Eingriffen ohne medizinische Indikation zwingen, bevor diese bei ihren Wettkämpfen an den Start gehen. So hat das Schweizer Bundesgericht geurteilt. Prompt stilisiert sich der Verband World Athletics zum Vorkämpfer für Gleichberechtigung und Chancengleichheit, weil das höchste Schweizer Gericht, wie nahezu immer, wenn sich Sportler gegen die Schiedssprüche des Internationalen Sportschiedsgerichts an die oberste Instanz der Schweizer Rechtsprechung wenden, dem Sportverband recht gab.

          Caster Semenyas Begehr wurde abgeschmettert. Wollte die beste 800-Meter-Läuferin zurückkehren in ihrer Paradedisziplin, müsste sie ihren natürlichen Testosteronwert senken, um „Unterschiede in der Geschlechtsentwicklung“ (englisch dsd) auszugleichen, mit Einnahme einer stärkeren Antibabypille, wenn sie Glück hat, unter Inkaufnahme möglicher Nebenwirkungen. Frank Ulrich Montgomery hat den Zwang im F.A.Z.-Gespräch als Präsident der Bundesärztekammer und Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes als „inverses Doping“ bezeichnet und beteiligten Ärzten bescheinigt, unethisch zu handeln. Daran, sagte er 2019, sollten sie sich nicht beteiligen.

          Coe scheint das nicht zu kümmern. Der Brite, der sich als Erneuerer der Leichtathletik inszeniert, beweist eine bemerkenswerte, eiskalte Konstanz bei der Fortsetzung über Jahrzehnte erprobter Verbandspolitik. 2009 stellte Pierre Weiss, damals Generalsekretär des noch IAAF abgekürzten Verbands, in Frage, ob Caster Semenya eine Frau sei. Die südafrikanische Professorin Greta Dreyer sagte vor dem Cas als Zeugin aus, damals habe die IAAF klargemacht, sie bevorzuge für Sportlerinnen mit Belegen für Hyperandrogenismus Gonadektomie – Kastration. Der Verband teilte mit, er berate Athletinnen grundsätzlich nicht medizinisch und bestreite kategorisch, jemanden zu einer Kastration gezwungen zu haben. Aber Karriere machte der Franzose Stéphane Bermon, Autor der vom Cas gestützten Untersuchung, die den Zwang zum Eingriff bei Hyperandrogenismus belegen soll.

          Er war auch beteiligt an einer Studie, bei der vier wie Caster Semenya von 46-XY-dsd betroffene Frauen kastriert wurden. Heute führt Bermon die Gesundheits- und Wissenschaftsabteilung bei World Athletics. Vergangenen Sommer sagte er: „Wenn du in der Frauenkonkurrenz antreten willst, darfst du dich einer Behandlung nicht verweigern.“ Das hat Caster Semenya nun höchstrichterlich. Fairer Wettbewerb wiege höher als körperliche Unversehrtheit. Die Behandlung werde ja von Ärzten vorgenommen. Sprachlos? Caster Semenya kündigt an, weiterzukämpfen, bis sie laufen könne, wie sie geboren wurde. Coes Verband zwingt sie zum Marathon. Einen unmenschlichen Marathon.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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