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Leichtathletik : Olympiasieger Fazekas gedopt - „Mit Müsli gegen Atomwaffen“

  • Aktualisiert am

Diskus-Betrüger Fazekas Bild: REUTERS

Der ungarische Diskuswerfer hat nach seinem Triumph eine Urinprobe manipuliert. Er ist der zweite Olympiasieger von Athen, der seine Goldmedaille verliert. Der deutsche Teamarzt klagt: „Es wird gedopt auf Teufel komm raus.“

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          Ein weiterer spektakulärer Dopingfall überschattet die Sommerspiele in Athen. Als zweiter Olympiasieger wurde Diskuswerfer Robert Fazekas der Manipulation überführt.

          Der Ungar hatte am Montag abend nach seinem Sieg zunächst die Dopingkontrolle verweigern wollen. Anschließend versuchte er, seine Urinprobe gegen Fremdurin auszutauschen. Das bestätigte das Internationale Olympische Komitee (IOC) am Dienstag ebenso wie die positive Probe des weißrussischen Hchspringers Aleksej Lesnitschij, der in der Qualifikation als Letzter ausgeschieden war. Fazekas wird damit sein Gold verlieren, neuer Olympiasieger ist wie vier Jahre zuvor in Sydney damit der Litauer Virgilius Alekna. Der 29 Jahre alte Europameister Fazekas hatte den Wettkampf mit 70,93 Meter gewonnen.

          „Es wird gedopt auf Teufel komm raus“

          Diese neue Meldung zum Thema Doping scheint das Mißtrauen zu bestätigen, das deutsche Ärzte und Offizielle kurz zuvor geäußert hatten. Die Erfolglosigkeit der deutschen Leichtathleten sei nämlich auch auf das weiter ungelöste Dopingproblem zurückzuführen - diese Ansicht vertreten Professor Wilfried Kindermann, Chefmediziner des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland, und der leitende Leichtathletik-Teamarzt Helmut Schreiber. „Es wird gedopt auf Teufel komm raus mit EPO, Anabolika und Wachstumshormonen. Unsere Leute sind chancenlos. In mir wächst das Gefühl, daß ich keine Lust mehr habe“, sagt Schreiber. DLV-Cheftrainer Bernd Schubert fordert unterdessen „resoluteres Vorgehen gegen Leistungsbetrug“.

          Probe manipuliert: Olympiasieger Fazekas

          Hinzu komme das Pech mit Verletzungen. Die jüngste Misere im Leichtathletik-Team hatte am Montag mitder Adduktorenverletzung von Atlanta-Olympiasieger Lars Riedel (Chemnitz) im Diskusfinale, dem Muskelfaserriß von Hürdensprinterin Kirsten Bolm (Mannheim) im Halbfinale und dem Bänderriß des früheren Junioren-Weltmeisters Dennis Leyckes (Uerdingen) im Zehnkampf einen Höhepunkt erreicht. Von 79 Nominierten blieben bereits zehn mit lädiertem Bewegungsapparat auf der Strecke, obwohl erst 18 der 46 Leichtathletik-Goldmedaillen vergeben sind. Vornehmlich betroffen: die vor dem Karriereende stehenden Altstars.

          „Was in Ungarn passiert, geht nicht mit rechten Dingen zu“

          Riedels Trainer Karlheinz Steinmetz sagt angesichts der Verletzungsanfälligkeit, die gerade eine Disziplin wie Diskuswurf mit sich bringt: „Es ist ein Wunder, daß Lars Riedel sich so lange auf diesem Niveau halten konnte und so erfolgreich war. Wir kämpfen doch mit Müsli gegen Atombomben.“ Der Trainer des fünfmaligen Diskus-Weltmeisters glaubt mit Blick auf die 70,93 Meter von Olympiasieger Robert Fazekas und den Olympiadritten Zoltan Kovago: „Auch das, was in Ungarn passiert, geht nicht mit rechten Dingen zu.“ Da wußte er noch nichts von der angeblich manipulierten Probe des Olympiasiegers.

          Wilfried Kindermann sagt trotz der vielen Erfolge an der internationalen Dopingfront: „Ich habe den Eindruck, daß das Ganze durch die strenger gewordenen Kontrollen ungerechter geworden ist.“ Dort, wo schon immer nach Verbotenem gesucht wurde, bestehe eine sehr hohe Kontrolldichte. Große Defizite im Anti-Doping-Kampf sieht Kindermann, 1962 Europameister mit der deutschen 400-Meter-Staffel, vor allem im Bereich der früheren Sowjetunion, aber nicht nur dort. In den Vereinigten Staaten sei nach dem Skandal um das kalifornische Doping-Labor Balco sicher einiges besser geworden, aber noch längst nicht alles.

          „Da sind ganz andere Umfänge möglich als bei unseren Athleten“

          Aus Sicht von Kindermann bürdet der Leichtathletik-Weltverband IAAF seinen Athleten immer mehr Meisterschaften auf, andererseits stehe er der Lösung des Dopingproblems im Weg. „Die Fälle um die Griechen Kenteris und Thanou hätten wir hier nicht gehabt, wenn die IAAF schon bei den ersten starken Anzeichen auf Dopingvergehen 1997 einen Riegel vorgeschoben hätte. Aber sie toleriert offenbar viele Dinge. Es wäre nun Aufgabe der Internationalen Anti-Doping-Agentur Wada, die IAAF anzuschieben. Aber statt stärker nach Wachstumshormonen, Anabolika und EPO zu fahnden, treibt diese einen Riesenaufwand im Kampf gegen die ohnehin nicht wirkungsvollen Asthmasprays.“

          Kindermann glaubt, daß auch in Athen mit Wachstumshormonen Mißbrauch getrieben wird. „Sie sind viel schwerer feststellbar als Anabolika, wenn auch nicht so effektiv. Niemand weiß, ob das IOC hier wirklich schon einen Nachweis führen kann.“ Auch aus Sicht von DLV-Cheftrainer Bernd Schubert sind viele Leistungssprünge nur mit Doping zu erklären - Wachstumshormone oder altbekannte Steroide. Einig sind sich alle Insider, daß diese Hormone im Training die Belastungsgrenzen stark hinausschieben. Kindermann: „Da sind ganz andere Umfänge möglich als bei unseren Athleten.“

          Alle des Dopings überführten Olympiasieger seit 1968:

          1968 Mexiko
          Hans-Gunnar Liljenvall (Schweden), Moderner Fünfkampf

          1972 München
          Rick DeMont (USA), Schwimmen

          1976 Montreal
          Zbigniew Kaczmarek (Polen), Gewichtheben
          Walentin Hristow (Bulgarien), Gewichtheben

          1988 Seoul
          Ben Johnson (Kanada), Leichtathletik
          Mitko Grablew (Bulgarien), Gewichtheben
          Angel Gunschew (Bulgarien), Gewichtheben

          2000 Sydney
          Alexander Leipold (Schifferstadt), Ringen
          Isabella Dragnewa (Bulgarien), Gewichtheben
          Andrea Raducan (Rumänien), Kunstturnen

          2004 Athen
          Irina Korschanenko (Rußland), Leichtathletik
          Robert Fazekas (Ungarn), Leichtathletik

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