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Leichtathletik : Maurice Greene läuft den Fans davon

  • -Aktualisiert am

Maurice Greene: Sieger von Athen - Austeiger in Eugene Bild: dpa

Maurice Greene protestierte gegen eine vermeintlich sinnlose Regelnovelle auf seine Art: Erst lief er eine Weltklassezeit über 100 Meter, dann sagte er das Finale ab.

          3 Min.

          Die amerikanischen Leichtathleten kämpfen bis zum Sonntag um die Fahrkarten für die WM in Edmonton. In Eugene, bei den US-Championships, wollte der Verband mit der großen Star-Familie Werbung machen. Jetzt machte ihm ausgerechnet der schnellste Mann der Welt einen Strich durch die Rechnung.

          Die Kontroverse um Maurice Greene: Der Olympiasieger über 100 Meter kam, sah, siegte - und hörte nach dem Vorlauf auf. Dafür gab es Buhrufe der Fans.

          Bye bye nach 9,90 Sekunden

          Es war kein einfacher Auftritt für den Sprintkönig. Ausgerechnet die heimischen Fans rollten keinen roten Teppich aus, sondern empfingen Maurice Greene mit einem seltsamen Gemisch aus artigem Applaus und Buhrufen.

          Nach der offiziellen Vorstellung leistete sich der Olympiasieger im Vorlauf über die 100 Meter erst einmal einen Fehlstart, um danach sein Versprechen von „einer guten Vorstellung" einzulösen. 9,90 Sekunden später rannte Greene in gewohnter Pose mit erhobenem rechten Zeigefinger durchs Ziel und landete für seine Jahresweltbestleistung endlich lauten Beifall.

          Wenn auch die Buhrufe nicht ganz verschwanden. „Ich hätte noch schneller sein können", meinte der Star, „aber ich habe am Ende etwas gebremst und ins Publikum geschaut." Nach der Trotzreaktion ging Greene genüsslich im Hayward Field der Universität Oregon auf die Ehrenrunde und verabschiedete sich wie zuvor angekündigt von den US-Championships. Wohl gemerkt: nach einem siegreichen Vorlauf.

          „Habe meinen Spaß gehabt“

          Der schnellste Mann der Welt (dessen Weltrekord bei 9,79 Sekunden liegt) verschwand im weißen Medienzelt, legte sich einen dicken Eisbeutel aufs linke Knie und verteidigte gegenüber der Presse seinen frühzeitigen Abtritt. Er habe sich doch „an die Regeln des Verbands gehalten" und sei nach zahlreichen Gesprächen davon überzeugt, dass „die Leute hier hundertprozentig hinter mir stehen".

          Und was war mit den Buhruf-Fraktion? „Den Leuten werde ich ein unterschriebenes Poster schenken", konterte das Kraftpaket, um anzufügen: „Ich habe meinen Spaß gehabt."

          Sinnlose Regeländerung?

          Beim amerikanischen Leichtathletik-Verband USATF amüsierte man sich weniger, zumal Greenes Agent Emanuel Hudson auch noch „von einer Ohrfeige in unser Gesicht" sprach und die Funktionäre hart kritisierte.

          Beim Streit geht es um die USATF-Regeländerung, wonach die Athleten als Voraussetzung für einen Start bei der Weltmeisterschaft in Edmonton (3. bis 12. August) in Eugene antreten müssen. Dabei spielt es keine Rolle, ob amtierende Weltmeister wie Greene (über 100 und 200 Meter) bereits vom Internationalen Leichtathletikverband IAAF eine WM-Fahrkarte erteilt bekommen haben.

          Kontroverse Diskussionen

          „Was soll´s, ich habe die Auflage jetzt erfüllt", sagte Maurice Greene, „und nach den vielen Reisen und Auftritten tut meinem Körper die Ruhepause sicher ganz gut." Dies war nun wiederum eine verbale Ohrfeige für USATF-Geschäftsführer Craig Mashback, der mit den Championships beste Werbung in eigener Sache machen wollte und auf die geballte Star-Power gesetzt hatte.

          Doch neben Greene schmeckte die Regeländerung auch Michael Johnson keineswegs. Der fünfmalige Olympiasieger hatte zunächst mit einem WM-Start in der 4x400-Meter-Staffel geliebäugelt, wollte sich dafür aber nicht extra qualifizieren. Um nicht noch weiteres Öl ins Feuer zu gießen, bezog Mashback beim kontroversen Start der viertägigen Ausscheidungskämpfe für Edmonton offiziell keine Stellung.

          Dafür bekam er von Marion Jones, die über 200 Meter startet, Rückendeckung. „Ich denke es ist nicht fair, den Auftritt hier einfach abzubrechen", meinte die dreimalige Olympiasiegerin von Sydney, „schließlich sehen uns die Fans in den Staaten nicht so oft und zudem braucht unser Sport Hilfe."

          In Europa wird mehr gezahlt

          Zwar verbreitete der Verband unter der Überschrift „Track is REALLY back" ein PR-Paket von Erfolgsmeldungen, nach denen die Einnahmen, Zuschauerzahlen und TV-Quoten in diesem Jahr in die Höhe geschnellt seien. Doch in Wahrheit hängt der Patient in den USA immer noch am Tropf.

          Die Musik wird in Europa gespielt. Dort werden die Olympiasieger wirklich wie Superstars behandelt und zudem fürstlich entlohnt. Zwar bezahlt der US-Verband bei den Meisterschaften erstmals ein Preisgeld in Höhe von 375.000 Dollar, doch die Siegprämie von 3500 Dollar dürfte die Weltklasseathleten in Eugene nur wenig motivieren.

          Hoffnungsträger Alan Webb

          Zwar gilt die Kleinstadt im US-Bundesstaat Oregon als „Tracktown", doch am ersten Wettkampftag kamen trotz Sonne und eines Alan Webb nur 4726 Zuschauer. Der erst 18-Jährige Shootingstar, der im vergangenen Monat einen neuen Highschool-Rekord über die Meile (3:53,43 Minuten) aufgestellt hatte, qualifizierte sich über 1500 Meter in 3:45,77 Minuten für das große Finale.

          Der kesse Teenager („Ich kann mit den Routiniers mithalten") gilt als neuer Hoffnungsträger der amerikanischen Leichtathletik. Löst der neue Publikumsliebling das Ticket für Edmonton, wäre Greenes Eskapade in Eugene kein Gesprächsthema mehr.

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