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Leichtathletik-Kommentar : Weltklasse untergetaucht

Trübe Aussichten: Leichathletik gibt es in Kassel (Foto), Biberach und Cuxhaven künftig nur durch eigene Bewegung Bild: dpa

Dicker Verlust: Deutschen Leichtathleten gehen nach der dem Aus für die „Weltklasse“-Sportfeste in der Provinz hochwertige Startmöglichkeiten verloren. Wo eigentlich sollen sie zeigen, dass sie bei Olympia sollten?

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          Weltklasse, das war einmal. Ob hinterm Deich, nämlich in Cuxhaven, ob in Kassel oder in Biberach, in allen drei Städten fallen in diesem Jahr die Sportfeste aus, die unter dem Titel „Weltklasse“ Leichtathletik mit Prädikat versprachen. Immerhin traten dort einige Stars von internationalem Renommee auf. Nun nicht mehr. Das ist ein herber Rückschlag für die Leichtathletik.

          Zwar versteht sich die Sportart mit ihren vielen Disziplinen als Kern der Olympischen Spiele. Doch wenn die Läufer und Springer, die Werfer und Stoßer nicht für Deutschland am Start sind, müssen sich die meisten von ihnen mangels internationaler Angebote in der Provinz durchschlagen, wenn sie überhaupt an Wettkämpfen teilnehmen wollen. Anders als beim Aus des renommierten Hallensportfestes von Stuttgart, dessen Sponsor sich zurückzog, anders als beim Sterben der großen Sportfeste, von denen allein das Istaf in Berlin überlebt hat, führen diesmal nicht strukturelle Probleme zum Aus.

          Im Gegensatz zu Metropolen wie Stuttgart, die aus ihren Arenen Fußball-Standorte gemacht haben, investierten Städte wie Kassel Millionen in Anlagen mit Laufbahnen und Sprunggruben. Solche mittelgroßen Standorte sind attraktiv für die Leichtathletik, und umgekehrt kann dort die Leichtathletik eine Attraktion sein. Sponsoren sind jedenfalls bereit, sich zu engagieren.

          Doch Förderer wie Verwaltung an den „Weltklasse“-Standorten wurden dadurch irritiert, dass Athleten immer lauter fragten, wann sie endlich für ihre Leistungen aus dem vergangenen Jahr honoriert würden. Alle drei Sportfeste organisierte Heinz Hüsselmann mit seiner Agentur. Der einstige Sprinttrainer aus Bochum gerät nicht zum ersten Mal in die Schlagzeilen. 1988 sorgte für Empörung, dass die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Vergabe von Dopingmitteln einstellte, obwohl Läuferinnen sogar öffentlich bezeugten, dass Hüsselmann ihnen die Substanzen angeboten und verabreicht hatte.

          Diesmal lässt Hüsselmann denjenigen ausrichten, die ihn zu erreichen versuchen, dass er schwer erkrankt sei, sich bald aber wieder um seine Geschäfte kümmern werde. In der Zwischenzeit haben Verband und Athleten ihre Terminkalender erstellt - Biberach, Kassel und Cuxhaven fehlen. Damit dürften Kredit und Zahlungsfähigkeit derVeranstaltungen dahin sein.

          Das schmerzt diejenigen, die auf ihren Forderungen sitzen bleiben. Und es bedeutet einen kulturellen Verlust sowie eine Enttäuschung für diejenigen, die zwar mit ihren Steuern Stadien bezahlen, aber keine Leichtathletik darin erleben können. Gerade noch zehn Sportfeste, von den Werfertagen in Halle an der Saale bis zum Hochsprung in Eberstadt, stehen bei „German Meetings“ in der Veranstaltungsliste für den Sommer - eine Saison, die von den Olympischen Spielen in London gekrönt wird. Wo eigentlich sollen deutsche Leichtathleten zeigen, dass sie dort starten sollten? Es wäre bittere Ironie, wenn mit Hüsselmann auch die Aussicht deutscher Athleten verschwunden wäre, Weltklasse zu erreichen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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