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Leichtathletik : Jenseits von Afrika

Mo Farah: Vorfreude auf den halben Marathon in der Stadt seiner größten Erfolge Bild: dpa

Das Oregon-Project: Wie Trainer Alberto Salazar mit Hightech und Kreativität natürliches Lauftalent schlägt. Doppel-Olympiasieger Mo Farah ist der beste Beweis. Am Sonntag läuft er beim Marathon in London mit  - aber nur zur Hälfte.

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          Die Wiese zwischen den Hecken und Gartenanlagen ist riesig und von der Qualität eines Kissens. Doppel-Olympiasieger Mo Farah und Silbermedaillengewinner Galen Rupp drehen auf dem plüschigen Grund weite Runden; drei ergeben eine Meile. Alberto Salazar, ihr Trainer, steht mit Stoppuhr und Handschuhen auf der Steinterrasse am Rand und bestimmt mit Zurufen Distanzen und Tempo. Nach rund einer Stunde wechselt die Gruppe zu harten Tempoläufen auf eine rote Kunststoffbahn. In der Mitte der Anlage wächst ein Wäldchen, und an der Ziellinie steht eine lebensgroße Bronzefigur von Michael Johnson in goldenen Schuhen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Dies hier ist der Nike-Campus, die Heimat des „Swoosh“ in Beaverton, einem Vorort von Portland in Oregon. Hier ist das Hauptquartier des Sportartikel-Multis, hier hat er eine seiner ambitioniertesten Unternehmungen etabliert: das Oregon Project. Vor zwölf Jahren gegründet, um unter der Regie von Salazar Marathonläufer von Weltrang hervorzubringen. Im vergangenen Jahr wurde Farah, ein aus Somalia stammender Brite, in seiner Heimatstadt London Olympiasieger über 5000 und 10 000 Meter, der Amerikaner Rupp wurde Zweiter auf der längeren der beiden Strecken.

          Marathon-Debüt in nächsten Jahr

          In einem Jahr will Farah in London sein Marathon-Debüt geben. An diesem Sonntag wird er dort zwar auch schon starten, aber auf halber Strecke aussteigen. Für sein Erscheinen belohnt ihn der Veranstalter mit umgerechnet 290 000 Euro. Läuft er 2014 die ganze Strecke, verdoppelt sich sein Antrittsgeld. Gute Chancen auf die Sieg- und Zeitprämien von 140 000 Euro hat er obendrein. „Er wird eine Zeit von 2:05 Stunden laufen können“, prognostiziert Salazar. „Aber ob er bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio den Marathon laufen wird oder sich weiter auf die Bahnwettbewerbe konzentriert, ist noch nicht entschieden.“

          Farah in London: Aufmerksamkeit ist ihm gewiss

          Heftige Kritik schlägt Farah entgegen. Seine einstige Förderin und schnellste Marathonläuferin der Welt, Paula Radcliffe, sagt, den London-Marathon laufe man ganz oder gar nicht. Michael Johnson, früher der schnellste Mann der Welt über 200 und 400 Meter, schreibt in der „Times“, Farah mache sich angreifbar, indem er so viel Geld für nichts nehme, und die „Daily Mail“ macht gar Farahs Frau als raffgierig aus. „Diese Artikel und diese Kritik gehen mir auf die Nerven“, sagt Farah, bevor er nach London fliegt. „Ich tue das aus einem Grund, und selbstverständlich werde ich bezahlt dafür.“ Er wolle die Gelegenheit nutzen, sich auf seinen Einstand dort in zwölf Monaten vorzubereiten. Im Übrigen sei der London-Marathon für ihn immer etwas Besonderes gewesen, als er im Westen der Stadt aufwuchs. Mit fünfzehn siegte er zum ersten Mal bei dessen Mini-Marathon über 1500 Meter; zwei weitere Siege folgten.

          Farah soll im Wasser laufen

          Salazar lächelt milde. „Ich hätte nicht gesagt, er braucht jetzt einen Halbmarathon“, sagt er. „Aber es schadet auch nicht.“ Er unterstützt die Marathonvorbereitung Farahs auf seine Weise. Weil der Brite sein wöchentliches Laufpensum von gut 190 Kilometern steigern will, spendiert Salazar ihm den Einbau eines Laufbandes in sein Haus: eines in einem Wasserbecken. „Was Mo mehr laufen will, soll er im Wasser laufen“, sagt der Trainer. „Das gibt ihm Kraft, ohne dass es die Belastung vergrößert.“

          Farah bei Olympia: Gold über 5000 und 10.000 Meter

          Salazar war in den achtziger Jahren der beste Marathonläufer der Welt. Dreimal siegte er in New York, einmal in Boston. Seine Bestzeit von 2:08:13 Stunden von 1981 galt als Weltrekord. Doch mit immer mehr Training - bis zu dreihundert Kilometer pro Woche - und mit immer weniger Essen und Trinken brannte sich der junge, aus Kuba stammende Athlet körperlich und geistig aus. „Ich wollte der Beste der Welt sein“, sagt er über seine viel zu kurze Karriere. „Aber ich wollte es zu sehr.“ Wohl auch deshalb setzt er heute seine ganze Kraft daran, die Läufer seiner Trainingsgruppe vor den Folgen zu schützen, die übersteigerter Ehrgeiz hat.

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