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Dopingskandal : Wie die Russen mit ihrem Status umgehen

„Klar bin ich traurig, dass sie nicht unsere Hymne gespielt haben“: Maria Lassizkene über den Status als neutrale Sportlerin ohne Nationalteam Bild: dpa

Zwei Russen gehen als Favoriten an den Start bei der Leichtathletik-EM. Sie müssen als Folge aus dem Doping-Skandal als Athleten ohne Nationalteam antreten.

          Als er bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr Zweiter geworden war, bekam Sergei Schubenkow einen Wutanfall. „Warum fragt ihr immer dasselbe?“, herrschte er im Olympiastadion von London Journalisten an. „Ich kann es nicht mehr hören.“ An diesem Freitagabend ist der Hürdensprinter aus Russland Favorit auf den Gewinn des Titels bei der Europameisterschaft der Leichtathleten in Berlin – wie seine Mannschaftskameradin Marija Lassizkene, geborene Kutschina, Weltmeisterin und die überragende Hochspringerin auch dieses Jahres.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Von den zehn besten Sprüngen 2018 hat sieben sie gemacht; mit ihrem besten, 2,04 Meter beim Diamond-League-Sportfest von Paris, hat sie die Nummer zwei der Welt, die Italienerin Elena Vallortigara, um zwei Zentimeter überflügelt. Schubenkow dominiert ähnlich. Die fünf schnellsten Läufe des Jahres gehen auf sein Konto, deren schnellster dauerte lediglich 12,92 Sekunden. Das macht gelassen.

          Die Frage, die der 27-Jährige aus Barnaul in Sibirien nicht mehr hören konnte, hat er inzwischen in aller Ruhe beantwortet. Sie lautet: Wie fühlt es sich an, nicht für Russland starten zu dürfen, sondern als neutraler Athlet anzutreten? „Die Flagge und die Hymne“, verrät er nach einigem Hin und Her, „würden mir fehlen. Aber wenn ich wählen muss, ob ich nicht im Nationaltrikot antrete oder gar nicht, entscheide ich mich für den Start – und will so gut wie möglich abschneiden, am besten siegen. Das ist die beste Art, deine Haltung auszudrücken.“

          Gänsehaut beim Blick zurück

          Boykott sei für einen Sportler keine Option, sagt der Weltmeister von Peking 2015 und Europameister von Helsinki 2012 und Amsterdam 2014: „Das ist mein ganzes Leben.“ Der Ausschluss von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro schmerzte ihn. Vom zentral gesteuerten russischen Sport sei er in Barnaul so weit weg, dass er nichts von einem Doping-System mitbekommen habe, sagt er. Jetzt noch allerdings kriege er eine Gänsehaut, erzählt er, wenn er daran denke, wie er bei der WM 2017 endlich wieder mit den Besten der Welt auf die Bahn durfte.

          Boykott kam nicht infrage: Sergej Schubenkow will die 110 Meter Hürden gewinnen

          „Klar bin ich traurig, dass sie nicht unsere Hymne gespielt haben“, sagt Marija Lassizkene über den Titelgewinn von London. „Aber man muss das akzeptieren.“ Als sie 2015 in Peking Weltmeisterin geworden war, wurde sie noch mit Flagge und Hymne geehrt. Wenige Wochen später wurde der russische Leichtathletikverband suspendiert. Seitdem sind seine Athleten ausgeschlossen von internationalen Wettbewerben. Der Weltverband (IAAF) unter der Führung des Briten Sebastian Coe ist im Gegensatz zum Internationalen Olympischen Komitee nicht bereit, einen Schlussstrich unter die Doping-Affäre der Russen zu ziehen; zu tief war die IAAF verwickelt. Immer noch wird in Sachen persönliche Verstrickung des einstigen IAAF-Präsidenten Lamine Diack ermittelt, Coes Vorgänger, immer noch sind die Nationale Anti-Doping-Agentur Russlands und das Kontrolllabor von Moskau von der Welt-Anti-Doping-Agentur nicht zugelassen.

          Der Europäische Verband hat sich die Haltung der IAAF zu eigen gemacht und lässt nur diejenigen russischen Leichtathleten zu, deren Bewerbung um neutralen Status sie akzeptiert hat. Alle nationalen Symbole bis hin zum Lack der Fingernägel sind ihnen verboten. Schon eine Staffel ist zu viel Mannschaft – den 29 „Authorized Neutral Athletes“ aus Russland sind in Berlin nur Einzelstarts erlaubt. Sollten Lassizkene und Schubenkow wie erwartet siegen, wird bei ihren Siegerehrungen die Hymne des europäischen Verbandes gespielt werden.

          „Den Russen kannst du grundsätzlich nicht trauen“

          Rund siebzig Russinnen und Russen hat die IAAF das Startrecht zuerkannt, nicht alle, die fehlen, sind an den Qualifikationsnormen gescheitert. Im Mai erwischte das deutsche Fernsehen fünf Geher in Sotschi beim Training mit Doping-Coach Viktor Tschegin – da waren sie ihren Status los. Kurz vor der Europameisterschaft war bei Hochspringer Danil Lyssenko das Maß voll – weil ihn Kontrolleure wiederholt nicht antrafen, entzog die IAAF ihm, dem Hallen-Weltmeister und WM-Zweiten von London, das Startrecht.

          Da sehe man mal, dass man immer noch auf der Hut sein müsse und die russische Doping-Affäre noch lange nicht ausgestanden sei, sagte Svein Arne Hansen dazu, der Präsident des europäischen Verbandes. Arthur Abele, seit Mittwochabend Europameister im Zehnkampf, erzählte vor seinem Wettkampf, dass er miterlebt habe, wie einst sein russischer Konkurrent aus dem Stadion spazieren durfte, während er und alle anderen zur Doping-Kontrolle mussten. „Den Russen kannst du grundsätzlich nicht trauen“, folgert er. Jeder misstraue ihnen.

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