https://www.faz.net/-gtl-7sqk3

Messfehler als Massenware : Von wegen Schweizer Präzisionsarbeit

  • Aktualisiert am

In den Sand gesetzt: Melanie Bauschke hatte Pech mit den Messsystemen Bild: AP

Wie kann es sein, dass an einem einzigen Wettkampftag bei einer Europameisterschaft so viele Pannen der Kampfrichter passieren - und das ausgerechnet in der Schweiz? Wir haben nachgemessen.

          Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ist über die Messfehler und Pannen bei den Europameisterschaften in Zürich missgestimmt. „Wir sind enttäuscht und sehen das sehr kritisch“, sagte DLV-Präsident Clemens Prokop am Donnerstag. Gleich dreimal an den ersten beiden Wettkampftagen waren deutsche Athleten von solchen Zwischenfällen betroffen. Auch DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska erklärte, er fände es sehr schade, „dass solche Fehler bei einer solchen Meisterschaft passieren können“.

          Messfehler sind in der Leichtathletik aber nicht nur auf menschliches Versagen zurückzuführen, sondern auch auf die Tücken der Technik. So gab es auch schon bei den Olympischen Spielen in London ein Hickhack um Hammerwerferin Betty Heidler nach einem Softwareproblem: Ihre Weite war im Computer nicht erfasst worden. Genau das Gleiche passierte der Weltrekordlerin nun bei der EM-Qualifikation erneut. In Zürich gab es zudem Ärger im Weitsprung bei der deutschen Meisterin Melanie Bauschke und bei Zehnkämpfer Kai Kazmirek.

          Wie werden die Messungen eigentlich vorgenommen?

          Weit- und Dreisprung: Das Videomesssystem ist auf dem Dach installiert, zwei Kameras hängen über der Sandgrube. Ein Messtechniker sieht auf seinem Computer Linien. Diese kann er bis zu jenem Punkt verschieben, wo der Athlet einen Eindruck im Sand hinterlassen hat. An einer justierten Skala wird die Weite dann abgelesen.

          Besonders peinlich: Der Kampfrichter hatte vergessen, die Weite von Kai Kazmirek zu messen

          Würfe: Ein Messstab mit einem Spiegel wird an dem Punkt eingesteckt, wo das Wurfgerät landet. Über diesen Spiegel gibt es ein Signal zum Messgerät am Computer. Dieser errechnet die Weite, dort erfasst ist der Teilnehmer mit seiner Startnummer, ihm wird die ermittelte Weite  zugeordnet. Vom Messcomputer wird sie automatisch an die Anzeigetafel geleitet.

          Welche Pannen gab es bei der EM in Zürich?

          Der Fall Kazmirek: 7,25 Meter wurden nach seinem ersten Versuch angezeigt. Der Eindruck der Offiziellen und Zuschauer an der Grube: Der Sprung war deutlich weiter, etwa zwischen 7,60 und 7,75. Die deutsche Teamleitung stellte noch während des Wettkampfs die Anfrage, den Versuch noch einmal sehen. Die Fernsehaufzeichnung zeigte: Der Sprung war tatsächlich um die 7,70. Bei der Jury wurde erwirkt, das Messsystem anschauen zu können. Dabei stellte sich heraus, dass der Kampfrichter vergessen hatte, die Weite zu vermessen und er eine eigene festgelegt hatte - nämlich die 7,25. Daraufhin legte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) Einspruch ein. Die Jury nutzte alle Hilfsmittel und legte den Sprung auf 7,66 fest.

          Schön geflogen, hart gelandet: Melanie Bauschke bei der EM in Zürich

          Der Fall Bauschke: Durch die Böen im Stadion hatte das Dach zu stark vibriert und das Messsystem konnte nicht zum Einsatz kommen. Deshalb wurde - wie früher - der Messstab nach jedem Sprung in den Sand gesteckt. Der erste Versuch Bauschkes wurde mit 6,79 Meter angegeben. Außenstehende hatten hier den Eindruck, dass der Sprung längst nicht so weit war. Deshalb legte das schwedische Team Einspruch ein und ließ sich die Aufzeichnungen zeigen. Daraufhin wurde der Versuch später auf 6,55 Meter festgelegt. Das Procedere des Protestes läuft außerhalb der Wettkampf-Stätte über das technische Informationszentrum des Stadions. Am Ende entschied die Jury: Einspruch berechtigt, der Sprung war nur 6,55. Offensichtlich hatte der Kampfrichter das Messgerät falsch eingestochen. Dass dies Bauschke erst vor ihrem letzten Versuch übermittelt wurde, ist nicht üblich.

          Sie ist Kummer mit Kampfrichtern gewohnt: Betty Heidler

          Der Fall Heidler: Sowohl in London als auch in Zürich wurde ihre Weite nicht vom Messsystem zum Datensystem vermittelt, sondern ein Wert einer Konkurrentin verzeichnet - ein Softwarefehler. Der DLV ließ in beiden Fällen die Daten im Messsystem überprüfen. Bei Olympia durfte Heidler nach langen Diskussionen einen zweiten fünften Versuch machen. In der EM-Qualifikation musste sie noch einmal ran, obwohl sie sich schon für das Finale qualifiziert glaubte.

          Weitere Themen

          Die Erfolge des Niki Lauda Video-Seite öffnen

          Tod einer Formel-1-Legende : Die Erfolge des Niki Lauda

          Der Österreicher Niki Lauda feierte in der Formel 1 große Erfolge und ließ sich auch von Unfällen und Verletzungen nicht unter kriegen. Die rote Kappe wurde zu seinem Markenzeichen. Mit 70 Jahren ist er nun im Kreis der Familie verstorben.

          Die Erfolge des Niki Lauda Video-Seite öffnen

          Formel-1-Legende gestorben : Die Erfolge des Niki Lauda

          Der Österreicher Niki Lauda feierte in der Formel 1 große Erfolge und ließ sich auch von Unfällen und Verletzungen nicht unter kriegen. Die rote Kappe wurde zu seinem Markenzeichen. Mit 70 Jahren ist er nun im Kreis der Familie verstorben.

          Topmeldungen

          SPD-Vorschlag : Das Empörende an der Grundrente

          Die SPD nutzt mit ihrem Grundrente-Vorschlag die Solidarität der Beitragszahler aus. Die Union darf sich darauf nicht einlassen: Sie sollte auf der Bedürftigkeitsprüfung beharren – und notfalls den Bruch der Koalition in Kauf nehmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.