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Leichtathletin Dafne Schippers : Geld oder Liebe?

Groß, blond und schnell: Dafne Schippers hat das Zeug zum internationalen Star Bild: dpa

Die Niederländerin Dafne Schippers ist Siebenkämpferin mit Leib und Seele. Als Sprinterin aber könnte die große Blonde zum Superstar der internationalen Leichtathletik aufsteigen.

          Beim Sprint gebrauche ich nur die Beine“, sagte die große Blonde, bevor das Spektakel begann, „beim Mehrkampf den ganzen Körper.“ Und dann sprach die groß gewachsene Athletin von Abschied: Sie werde zum Siebenkampf zurückkehren. Doch da wusste sie noch nicht, was ihre langen Beine ausgelöst haben. Dafne Schippers, die Goldmedaillengewinnerin der Europameisterschaft von Zürich über hundert und zweihundert Meter, scheint auf dem Sprung in die Liga der Weltstars. Die 22 Jahre alte Tochter eines Physiotherapeuten und einer Grundschullehrerin aus Utrecht könnte bald die Amerikanerinnen und Jamaikanerinnen im Sprint herausfordern.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Neben Beinen und Körper muss sie deshalb nun auch ihren Kopf gebrauchen. Sie wird leicht abschätzen können, um wie viel lukrativer die Aussicht ist, künftig als große weiße Hoffnung auf den Sprintstrecken der Welt die etablierten Sprinterinnen herauszufordern, als wieder in der Nische Siebenkampf zu verschwinden. Sie hat die Wahl zwischen der Formel 1 der Leichtathletik und - pardon - Seifenkistenrennen.

          Im Trainingslager in Florida war die Junioren-Weltmeisterin und Junioren-Europameisterin im Siebenkampf von 2010 und 2011 darauf gekommen, sich einmal im Sprint auszuprobieren. Beim Sportfest in Glasgow im Juli rannte sie in 11,03 Sekunden an die erste Stelle der europäischen Rangliste des Jahres. Nach dem ersten Titel von Zürich, den sie mit schwachem Start, aber kraftvollem Lauf in 11,12 Sekunden vor der Französin Myriam Soumaré (11,16) gewann, beharrte sie: „Nächstes Jahr will ich an der WM im Siebenkampf teilnehmen.“ Im vergangenen Jahr in Moskau gewann sie, 21 Jahre alt, Bronze.

          Europameisterin über 100 und 200 Meter: ganz Holland aus dem Häus’chen

          Dann erreichte die Welle der Begeisterung aus ihrem Heimatland Zürich. Jede Zeitung hatte sie auf der Titelseite gefeiert, manche mit ganzseitigen Fotos. „Meine Familie sagt, das ganze Land explodiert“, sagt sie. „Ich muss das erst mal verdauen.“ Als sie am Freitagabend mit Riesenvorsprung ihre zweite Goldmedaille gewonnen hatte, so schnell wie keine Europäerin seit 19 Jahren - um genau zu sein: seit am 22. November 1995 die Russin Irina Privalova in 21,87 Sekunden der Amerikanerin Gwen Torrence (21,81) unterlag -, seit ihrem Triumph in 22,03 Sekunden also scheint Dafne Schippers weich zu werden.

          Um drei Zehntelsekunden verbesserte sie ihre vier Wochen alte Bestzeit - eigentlich eine Entwicklung, die Monate, wenn nicht Jahre braucht. Mit der Siegeszeit von Zürich wäre Dafne Schippers vor einem Jahr in Moskau vor der Jamaikanerin Shelly-Ann Fraser-Pryce (22,17) Weltmeisterin geworden und hätte ihr 2012 bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille hinter der Amerikanerin Allyson Felix (21,88) weggeschnappt; die Jamaikanerin war in London nach 22,09 Sekunden im Ziel.

          Will sie reich und berühmt werden?

          Die Fragen, vor denen sie steht, sind schlicht: Will sie mit einem komplexen Minderheitenprogramm, das zwei Tage dauert, bei ihrem hochspezialisierten, kleinen Publikum bleiben? Oder will sie ein paar Sekunden geradeaus rennen, die Welt faszinieren und reich und berühmt werden?

          So einfach wie die Fragen sind, ist die Antwort nicht. Während daheim in Holland Nostalgiker sich von Gold-Dafne an Fanny Blankers-Koen erinnert fühlen, an die Sprinterin, die ihren Landsleuten mit vier Olympiasiegen in London 1948 nach den Schrecken von Krieg und Besatzung einen freudigen Patriotismus ermöglichte, fühlen sich manche in Zürich abgestoßen von der Vermutung, dass gerade im Sprint die Versuchung des Dopings besonders groß ist. Der Generalverdacht wiegt schwer, und das Lächeln im Mädchengesicht der Sprinterin kann ihn nicht ausräumen, zumal es scheint, als seien noch Zeichen der Pubertät darin zu sehen.

          Der Mehrkampf ist die Grundschule der Leichtathletik, der Sprint könnte Gold-Dafne reich und berühmt machen

          Gibt sie den Verlockungen des Sprints nach, muss sich Dafne Schippers nicht gegen die Disziplinen des Siebenkampfes - 100 Meter Hürden, Hochsprung, Kugelstoßen, 200-Meter-Lauf, Weitsprung, Speerwurf und 800-Meter-Lauf - entscheiden. Der Mehrkampf ist Grund- und weiterführende Schule der Leichtathletik; auch die größten Spezialisten, ob Läufer oder Springer, ob Werfer oder Stoßer, waren in den meisten Fällen als Teenager Mehrkämpfer. Manche bleiben es ihr Leben lang.

          Leistungssteigernder Effekt der Vielseitigkeit

          „Ich kenne Tia Hellebaut gut“, sagt Dafne Schippers über die Siebenkämpferin, die Olympiasiegerin im Hochsprung wurde. „Sie hat mich für den Siebenkampf entdeckt.“ Die Belgierin, inzwischen Mutter von drei Kindern und nicht mehr als Wettkämpferin aktiv, war immer stolz darauf, Mehrkämpferin zu sein. Nachdem sie 2006 Europameisterin und 2007 Hallen-Europameisterin im Hochsprung geworden war, begann sie das Jahr ihres Olympiasieges, 2008, als Fünfkämpferin. Bei der Hallen-Weltmeisterschaft in Valencia gewann sie die Goldmedaille.

          Den leistungssteigernden Effekt der Vielseitigkeit hat bei der Europameisterschaft auch Cindy Roleder demonstriert. Seit sie vom Hürdensprint zum Siebenkampf wechselte und in Halle an der Saale mit den Zehnkämpfern Nico Freimuth, Michael Schrader und Norman Müller trainiert, läuft sie so schnell wie nie. Im Siebenkampf konnte sie sich nicht für die Titelkämpfe qualifizieren. Im Hürdensprint gewann sie die Bronzemedaille.

          Eine Kandidatin für den Sprint könnte auch die Siebenkämpferin Carolin Schäfer sein. Die 22 Jahre alte Entdeckung in der deutschen Siebenkampf-Mannschaft, die bei ihrem Debüt bei den Erwachsenen die Bronzemedaille um zwei Sekunden im 800-Meter-Lauf verpasste, war - Dafne Schipper außer Acht gelassen - die Schnellste aller Siebenkämpferinnen. Für die 200 Meter brauchte sie 23,84 Sekunden. Ihr Glück und ihre Tränen am Ende des Wettbewerbes demonstrierten, dass sie vermutlich nicht auf ihre schnellen Beine reduziert werden will. Sie treibt, und das dürfte Dafne Schippers meinen, wenn sie von ihrer Liebe zu dieser Disziplin spricht, Siebenkampf mit Leib und Seele.

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