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Leichtathletik : Wo geht’s denn hier zur Zukunft?

Die Zukunft wartet nicht: Die Leichtathletik braucht neue Ideen Bild: dpa

Die Leichtathletik sucht neue Wege, um der Bedeutungslosigkeit zu entgehen – auch bei der Europameisterschaft in Zürich. Einfach ist das nicht. Als Vorbild dient auch Fußball-Präsident Joseph Blatter.

          Mujinga Kambundji und Kariem Hussein haben die Lücke perfekt genutzt, die der Fußball ihnen und ihrer Sportart gelassen hat. Bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Zürich machten sich die Sprinterin aus Bern und der 400-Meter-Läufer aus dem Thurgau in der Welt des Sports bekannt - und in der Schweiz unsterblich.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Sie verbesserte den Schweizer Rekord über hundert und zweihundert Meter; auf beiden Sprintstrecken erreichte sie den Endlauf. Hussein gewann am Freitagabend im Letzigrund-Stadion die Goldmedaille über 400 Meter Hürden - er ist der fünfte Leichtathletik-Europameister aus der Schweiz. Jeder Eidgenosse dürfte inzwischen seine Geschichte kennen, den Vater aus Ägypten, das Medizinstudium mit dem Berufsziel Chirurg, den Wechsel vom Fußball zum Hürdenlauf vor erst fünf Jahren.

          Mujinga Kambundjis Vater stammt aus Kongo. Sie hat, so steht es in den Zeitungen, drei fröhliche Schwestern, studiert Betriebswirtschaft und fährt jede Woche mit der Eisenbahn nach Mannheim, um in der Gruppe um Verena Sailer beim deutschen Bundestrainer Valerij Bauer zu trainieren. Was Hussein die Goldmedaille ist, könnte ihr eine goldschimmernde Schwärmerei aus der als so nüchtern bekannten Neuen Züricher Zeitung sein. „Sie ist nicht nur die schnellste Schweizerin, sie ist auch die Schweizer Leichtathletin mit dem bezaubernsten Lächeln“, schrieb das Blatt. „Ein Sonnenschein von Gemüt. Und ein Geschenk für die Schweizer Leichtathletik.“

          Sie und all die anderen Teilnehmer der Leichtathletik-EM hatten die Chance, sich bekannt zu machen - aber nur in dem Terminfenster zwischen der Fußball-WM und dem Ligabetrieb. „Früher war Fußball Teil des Sports, man hat sich den Kuchen mit ihm geteilt“, sagt Patrick Magyar, Meeting Direktor und Gesellschafter des Sportfestes Weltklasse in Zürich, Chef des Organisationskomitees dieser EM und Erfinder der Diamond League.

          Riesenlücken auf den Rängen durch hohe Preise

          „Heute spielt der Fußball in seiner eigenen Kategorie. Er ist so dominant, er hat seinen eigenen Kuchen.“ Schon die nächste EM wird auch ohne Fußball im Schatten liegen - sie wird 2016 in Amsterdam stattfinden, wenige Wochen vor den Olympischen Spielen von Rio. Selbst die Athleten, die an dieser „kleinen“, um den Marathon verkürzten EM teilnehmen, werden nicht all die Aufmerksamkeit bekommen, die sie sich wünschen. Aber das war auch in Zürich zeitweise so. Gut gefüllt wirkte das Stadion mit seinen 26 000 Plätzen erstmals am Freitagabend. Vorher klafften, auch wegen Eintrittspreisen bis zu 180 Schweizer Franken, Riesenlücken auf den Rängen.

          Ein Großereignis könne Volkshelden schaffen, das habe auch die Leichtathletik-WM 2009 in Deutschland gezeigt, sagt Magyar. Das Nationaltrikot, der Start in der Nationalmannschaft löse - was man lange unterschätzt habe - eine besondere Emotionalität aus, eine Identifikation auch für Menschen, die nicht unbedingt sportaffin sind. Länderkämpfe, Veranstaltungen wie die Team-Europameisterschaft, das könnte seiner Überzeugung nach die Zukunft dieser Sportart sein.

          „Es gibt einen Aufschwung, aber es fehlt die Struktur“

          Der erfahrene Sportvermarkter lobt Joseph Blatter, den Präsidenten des Welt-Fußballverbandes, weil dieser einen Kalender für seine Sportart durchgesetzt habe. Ein ähnlich verbindlicher Zeitplan für die Leichtathletik sei dringend notwendig, um die Sportart weiterzuentwickeln - und etwa die Diamond League zu schützen. Das erwartet er vom nächsten Präsidenten des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, der voraussichtlich Sebastian Coe werden wird. Dann wird Magyar allerdings nicht mehr dabei sein. Diese Europameisterschaft noch, in vierzehn Tagen das Weltklasse-Sportfest, dann zieht er sich aus der Leichtathletik zurück.

          Gerhard Janetzky hat seinen Abschied als Veranstalter bereits gegeben. Vor zwölf Jahren kaufte er, gemeinsam mit dem Unternehmer Werner Gegenbauer, das wirtschaftlich gescheiterte Berliner Istaf aus dem Konkurs und etablierte es neu. „Die Leichtathletik ist nicht in der Krise“, sagt er in Zürich. „Es gibt einen Aufschwung, aber es fehlt die Struktur.“

          „Die Leichtathletik braucht neue Formate“

          Das Sterben der Sportfeste halte an, Athleten und Vereine fänden keine Bühnen mehr. Warum also nicht eine Veranstaltungsreihe wie die Fußball-Bundesliga auf die Beine stellen? Warum nicht Mannschaften in den Disziplinen des Zehnkampfs gegeneinander antreten lassen und eine Mannschaftsmeisterschaft ausloben? „Die Leichtathletik braucht neue Formate“, sagt er und unterstützt die Forderung von Diskus-Olympiasieger Harting, alle Möglichkeiten von Regie und Animation für die Schaffung von Fernseh-Events zu nutzen. Mujinga Kambundji ist auch für ihn ein Exempel. „Wenn man Sieger hat“, sagt Janetzky, „hat man Konjunktur.“

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