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Leichtathletik-Kommentar : Strahlend in die Versenkung

  • -Aktualisiert am

Das Berliner Olympiastadion bot den Leichtathleten bei der EM eine prächtige Bühne. Bild: dpa

Die Leichtathletik-EM in Berlin sorgte für Begeisterung. Doch ohne Struktur jenseits großer Titelkämpfe und ohne kontinuierliche Berichterstattung wird die Sportart wieder aus dem Bewusstsein verschwinden.

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          Ihre Konterfeis sind nicht auf Hotelfassaden projiziert und sie wurden auch nicht als Comicfiguren verewigt. Dennoch wird es in der deutschen Leichtathletik auch in der Zeit nach Robert Harting nicht an Typen mangeln, die der sportinteressierten Gesellschaft Inspiration geben können. Das Problem dabei ist nur, ob sie von der Öffentlichkeit noch wahrgenommen werden, wenn die Berliner Festspiele beendet sind.

          Die EM 2018 hat eindrucksvoll gezeigt, wie Leichtathletik wirken kann, welche Kraftfelder zwischen Sportlern und Publikum entstehen können. Praktisch kein Athlet vergaß in diesen Tagen, sich bei den Zuschauern für die phantastische Unterstützung zu bedanken. „Gänsehaut am ganzen Körper“ und „Tränen in den Augen“ waren zwei Beschreibungen, die dutzendfach gegeben wurden, wenn die Sportler über ihr Gefühlsleben sprachen – und zwar über ihr Empfinden schon vor den Wettkämpfen mit ungewissem Ausgang und nicht erst im Erfolgsfall danach.

          Das Publikum gab den Athleten Kredit, beflügelte sie mit seiner Vorfreude und spiegelte die Leistungen in der Arena mit größtmöglicher Begeisterung. Natürlich stieg der Lärmpegel bei Siegen der einheimischen Athleten, aber sportlich fair wurden alle anderen Sportler beklatscht. Dass Leistung ihren Lohn nach sich zieht, zeigte sich für die Leichtathleten auf beeindruckende Weise. Äußerlich durch Jubel und Ehrungen. Innerlich durch das erhabene Gefühl der vollständigen Erfüllung.

          Nicht einmal zehn Prozent der gut 1500 Athleten aus 50 Nationen werden mit Medaillen dekoriert die Heimreise antreten. Und auch im außergewöhnlich erfolgreichen deutschen Team gab es Enttäuschungen, Ausfälle und lange Gesichter. Aber niemand konnte seinen Leistungsabfall auf allgemein schlechte Stimmung schieben, wie zu Beginn des Sommers etwa die Fußballer.

          Die deutsche Öffentlichkeit hat in dieser stimmungsvollen August-Woche neue Namen gelernt, die nicht leicht von den Lippen gehen, wie Mateusz Przybylko oder Malaika Mihambo. Sie hat mitgefiebert mit Kämpfernaturen wie Arthur Abele. Sie hat Einblicke in verschlungene Biographien bekommen von jungen Menschen, die bedingungslos auf die Karte Sport setzen, ohne zu wissen, ob sie den Ertrag ihrer Anstrengungen jemals einstreichen werden. Sie hat die fröhliche Frontfrau Gina Lückenkemper in den Mittelpunkt sprinten sehen, die bereit ist, auf die große Bühne zu treten und die Blicke auf sich zu ziehen. Sie hat – auch dank herausragender Fernsehbilder – Siegertypen kennengelernt, von denen sie gern mehr hören und sehen würde in der näheren Zukunft.

          Doch genau an dieser Stelle endet das Märchen. Denn es wird nicht so kommen. Der sehr reflektierte Speerwurf-König Thomas Röhler kündigte schon in der Mitte seiner Karriere an, dass er eine solche EM wohl nie mehr erleben werde. Er ist 26 Jahre alt. Stuttgart 1986, München 2002, Berlin 2018. Der Rhythmus der Heim-Europameisterschaften ist länger als die Dauer einer Athleten-Karriere. Auch die Heim-Weltmeisterschaften 1993 in Stuttgart und 2009 in Berlin waren große Publikumserfolge. Und doch verschwand die olympische Kernsportart danach stets wieder in der Versenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit. Und ohne eine funktionierende Wettkampfstruktur jenseits großer Titelkämpfe, und ohne eine kontinuierliche Berichterstattung darüber, wird dies auch diesmal wieder so sein.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

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