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Viele Gedanken: Robert Harting wird in Berlin bei der EM Sechster. Bild: AFP

Leichtathletik-EM : Robert Hartings nachdenklicher Abschied

Der Höhenflug von Robert Harting begann bei der WM 2009 in Berlin. An gleicher Stelle schließt sich mit EM-Platz sechs der Kreis für den Diskuswerfer. Beim Abgang ist er hin- und hergerissen.

          Die Europameisterschafts-Medaille, die er sich aus Gips gebastelt hat, bleibt für Robert Harting das einzige Erinnerungsstück an seine letzte große Meisterschaft. Sechster wurde er am Mittwochabend im Olympiastadion von Berlin, das er vor neun Jahren noch, als er hier den ersten seiner drei Weltmeister-Titeln gewann, sein Wohnzimmer genannt und mit Klauen und Zähnen verteidigt hatte. Doch seinen besten Versuch von 64,33 Meter übertrafen fünf Konkurrenten, allen voran der Litauer Andrius Gudzius mit 68,46 Meter sowie der Schwede Daniel Stahl mit 68,23 Meter. Die Erinnerungen an den Abschied von der internationalen Bühne dürfte Harting auch als Familienfest in guter Erinnerung bleiben.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Was für eine geile Zeit“ stand auf einem Riesenplakat, das Fans, Freunde und Familie zeigten, „#Danke“. Drei Gruppen in blauen T-Shirts mit dem Spitznamen des jungen Harting, „Shaggy“, bevölkerten die Kurve über dem Diskus-Ring und ihm zu. Der 33 Jahre alte Athlet ging nach dem Wettkampf zunächst zu seinen Leuten und dann mit Rucksack auf eine Ehrenrunde durch das gut gefüllte Stadion, Berlino, das Maskottchen von damals und heute, im Schlepptau. Man sah Harting nicht an, dass er sein Knie ruiniert hat für diesen Auftritt; eine chronisch entzündete Sehne hatte er mit einer Kortison-Injektion praktisch stillgelegt.

          „Ist bedeutungsvoll, weil der Kreis sich schließt“, sagte Harting im Fernsehen. „Ich bin begierig auf neues Wissen.“ Er sei hin und her gerissen zwischen der Enttäuschung von seinem Wettbewerb und der Zufriedenheit, als bester Deutscher abzutreten. „Ich muss viele blinde Flecke in meinem Kopf beseitigen. Ich wünsche meinen Konkurrenten alles Gute, der Leichtathletik die richtigen Entscheidungen.“

          Zehn Jahre kämpfte Harting an der Weltspitze, und Ruhm und Respekt wuchsen ihm nicht nur in Anerkennung dieser Resultate zu. Hier im Olympiastadion von 1936 hatte der Höhenflug des Athleten Harting begonnen bei der Weltmeisterschaft 2009, als Skandal und sportlicher Triumph Hand in Hand gingen. Zunächst hatte Harting Schlagzeilen damit gemacht, dass er Anti-Doping-Demonstranten seinen Diskus an den Kopf wünschte, dann gewann er die Goldmedaille. „Mein erster WM-Sieg in Berlin war ein Rausch“, erinnerte er sich dieser Tage. „Ich habe mir keinen Wurf häufiger angeguckt als diesen letzten zu Hause im Olympiastadion.“ Nach dem Wettkampf am Mittwoch sagte Robert Harting: „Es bringt nichts, alte Zeiten anzuschauen, das kann man nicht reproduzieren.“

          Damals, beim Sieg in Berlin, zerriss er sich das Trikot auf der breiten Brust, beim Olympiasieg von London drei Jahre später stürmte er über die Hürden-Sprintstrecke. Und er mischte sich immer wieder in die Sportpolitik ein, mit rüden wie mit treffenden Kommentaren. Und mit der Gründung einer Lotterie, die der Athletenförderung dienen sollte. Ein Filmemacher begleitete das letzte Jahr des Athleten Robert Harting; „Sechsviertel“ mit tiefen Einblicken ins Leid, in den Spaß und in den brennenden Ehrgeiz, die das Leben von Robert Harting bestimmt haben, sind als Serie im Netz und als Film in der Mediathek der ARD zu sehen.

          „Dann gibt es eben keine Medaille für Deutschland“, hatte Trainer Torsten Lönnfors nach dem Ausscheiden von Olympiasieger Christoph Harting kommentiert, seinem Athleten. Robert Harting hatte den Coach nach seiner Trennung von Trainer Werner Goldmann aus Neubrandenburg nach Berlin geholt und sich von ihm betreuen lassen. Als sich die Brüder Harting trennten, entschied sich Lönnfors, mit dem jüngeren weiterzumachen. Robert Harting fand in Marko Badura, einem Sportwissenschaftler von Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig, seinen neuen Trainer. Christoph hatte schon mangels Qualifikation bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr gefehlt. An den Titelkämpfen 2019 in Doha will er nicht teilnehmen.

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