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Leichtathletik-EM : Neuer Harting, alte Ziele

Die Balance stimmt wieder: Robert Harting in Zürich Bild: REUTERS

Der Diskus-Heros Robert Harting hat sein Leben und sein sportliches Umfeld neu sortiert. Und den Spaß am Leben entdeckt. Sein Ehrgeiz und seine „Urkraft“ sind aber bei der Leichtathletik-EM ungebrochen.

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          So kann man die Titelverteidigung natürlich auch angehen. „Wenn man ehrlich ist, war ich dieses Jahr gar nicht richtig gut“, sagt Robert Harting, bevor er an diesem Mittwochabend (20.35 Uhr / Live im ZDF und bei Eurosport) wieder Europameister werden will. „Ich war nur der Beste von den ganz Guten.“ Selbst wenn es dabei bliebe, könnte daraus ein neuer Zyklus der Dominanz des Diskuswerfers aus Berlin werden. Nächstes Jahr winkt die Goldmedaille der Weltmeisterschaft von Peking. 2016 soll es, diesmal in Rio de Janeiro, der zweite Olympiasieg sein.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Ich bin ein Junkie geworden“, sagte Harting über das Glück, das in London über ihn hereinbrach: „So intensiv hatte ich das noch nie erfahren. Vielleicht kann man sich das vorstellen wie Tinte auf Löschpapier: Wie dieser Fleck sich ausbreitet, wie sich Adern bilden und die Farbe von immer größeren Flächen Besitz ergreift, so fühlt sich diese um sich greifende Zufriedenheit an. Plötzlich hatte ich Spaß am Leben.“

          Tatsächlich soll aber, wenn man ehrlich ist, auch sportlich alles besser werden. Im Mai vergangenen Jahres schickte Harting eine SMS an seinen ehemaligen Rivalen Torsten Schmidt. Im November wurde der damals 38-Jährige anstelle von Werner Goldmann sein Trainer. Wie Harting sein Leben neu sortiert hatte mit Trennung von der langjährigen Lebensgefährtin und dem Umzug in einen nach eigenen Plänen umgebauten Industriebau, so baute er sich auch im Sport ein neues Umfeld.

          Seit bald einem Jahr trainiert er gemeinsam mit seinem Bruder Christoph und seiner Freundin Julia Fischer bei Schmidt. „Wir haben das Training in viele Einzelteile zerlegt“, sagt der Trainer. Nun wird der Wurf wieder zusammengesetzt. Die Diskusmaschinerie läuft zwar schon wieder, aber so rund, wie sie soll, läuft sie doch noch nicht. „Den perfekten Wurf meines Lebens hatte ich noch nicht“, sagt Harting. „Es wäre unrealistisch, ihn noch 2014 zu erwarten.“

          „Erholung ist Teil der Leistung“

          Welch hochgesteckten Ziele Harting hat, macht er mit einem Trikot deutlich, das er auf seiner Website derharting.de anbietet. Auf der Brust prangen wie auf dem Trikot der Fußball-Nationalmannschaft vier Sterne, für jeden Titel einer. Dazu hat er die Zahl 70 gesetzt, eine Weite, die er erst ein einziges Mal in seinem Leben übertroffen hat und die deutlich macht, wie verdorben die Weltrekordliste ist. Mit seinen 70,66 Meter vom Mai 2012, gut 3,40 Meter kürzer als der Weltrekord von Jürgen Schult, jenen 74,08 Meter von 1986, ist der beherrschende Diskuswerfer der vergangenen sechs Jahre, der Erste der drei Weltmeisterschaften seit 2009, im Vergleich über Zeit und Raum lediglich die Nummer 18.

          Schmidt will das nicht unkommentiert stehen lassen. „Robert Harting“, sagt er, „ist ohne unerlaubte unterstützende Mittel leistungsfähiger als Athleten aus den achtziger Jahren.“ Heute werde im Training nicht hundert Mal geworfen, die Würfe seien von viel höherer Qualität. „Das hat Robert erkannt und gehandelt.“

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          In Schmidt hat Harting einen ehemaligen Konkurrenten aus Rostock nach Berlin geholt, der ihm eine seiner schmerzhaftesten Niederlagen beibrachte. 2004 war das, als der aufstrebende Harting die Olympianorm mit 64,05 Meter zwar erfüllte, Schmidt aber 21 Zentimeter weiter warf und ihn bei der deutschen Meisterschaft besiegte. Athen, das war der Höhepunkt der sportlichen Laufbahn von Torsten Schmidt. 2007 nahm er zum letzten Mal an deutschen Meisterschaften teil und hörte dann so langsam auf, scherzt er, dass er eigentlich immer noch nicht raus sei. Er habe einen Riesenrucksack aufgesetzt, sagt er, indem er sich entschied, den Besten der Welt zu trainieren.

          Der Respekt und die Bescheidenheit Schmidts passen gut zu Hartings neuer Gelassenheit. Doch die Beteuerung des Athleten, nicht mehr die Weltherrschaft anzustreben, sondern künftig gut gelaunt statt grimmig siegen zu wollen, bedeuten nicht, dass sein Ehrgeiz nachgelassen hätte. Entspannung gehört einerseits zur Routine. „Ich muss die Müdigkeit im Körper halten“, sagte Harting während seines siebenwöchigen Trainingslagers in Kienbaum bei Berlin, das er lediglich für den Gewinn der deutschen Meisterschaft in Ulm unterbrach.

          Qualifikationshürde souverän gemeistert

          „Erholung ist Teil der Leistung.“ Zum anderen hat er diesen Willen. Sein rothaariger Bruder, mit 24 fünf Jahre jünger, mit 2,05 Meter Körpergröße vier Zentimeter länger, sei von der Grundathletik her im Vorteil, sagt der Trainer. Doch das sei nichts wert, solange ihm „diese innere Kraft, diese Urkraft“ fehle, wie sie Robert Harting auszeichne. Die wird auch nicht nachlassen, sobald Harting - vielleicht schon am Mittwochabend - wieder richtig gut wirft. Die Qualifikationshürde am Dienstag nahm er mit 67,01 Meter schon mal souverän.

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