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EM-Kommentar : Offensive der Leichtathletik

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Diskuswerfen in der Stadt: In Berlin kommt die EM zu den Fans. Bild: dpa

Die EM in Berlin kommt zu den Fans und findet auch in der Stadt statt. Doch richtig angekommen ist die Leichtathletik erst dann in der Gesellschaft, wenn die Stadien wieder voll sind.

          Wenn die Zuschauer nicht zum Sport kommen, muss der Sport eben zum Zuschauer kommen. Das Prinzip der relevanten Wahrnehmungssteigerung ist ebenso einfach wie wirkungsvoll. Den flüchtigen Konsumenten dort zu finden, wo er es selbst vielleicht nicht erwartet hätte, erfordert aber Selbstbewusstsein, Mut und Konsequenz. Dabei hilft es auch, sich seiner Markenzeichen zu bedienen. Dass sich die blaue Laufbahn der Sympathie bei diesen Leichtathletik-Europameisterschaften nicht nur im Berliner Olympiastadion, sondern auch in einer Miniversion über den Breitscheidplatz schlängelt, sorgt gekonnt für einen Wiedererkennungseffekt. Die blaue Bahn sorgt für Identifikation, und das kleine Stadion mitten in der Stadt hilft bei der Positionierung Berlins als europäischer Hotspot und der Leichtathletik als olympischer Kernsportart.

          Kugelstoßen unter der Gedächtniskirche. Sportliches Gehen zwischen Bahnhof Zoo und Budapester Straße. Eröffnungsfeier, Siegerehrungen und Feuerwerk auf dem Breitscheidplatz. Die Rückeroberung dieser zentralen Stelle in der deutschen Hauptstadt für die Zivilgesellschaft setzt ein mutiges Zeichen. Seit dem Attentat auf dem Weihnachtsmarkt 2016 mit zwölf Todesopfern stand der Breitscheidplatz vorrangig für Trauer.

          Nun zeigt sich, dass er auch der Lebensfreude dienen kann, ohne das Gedenken an die Opfer zu schmälern. Die Begeisterung und die fröhliche Stimmung bei den beiden Stadt-Events zum Auftakt der Europameisterschaften gaben der Sportveranstaltung einen Schub, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Auch die Macht der Bilder, die Berlin damit aussendet, spricht für das Vorgehen – selbst wenn nicht einmal die populärsten Teildisziplinen ausgelagert waren.

          Erfahrungen vergleichbarer Art hat die Leichtathletik schon des Öfteren gemacht – und meistens waren sie positiv. Bei der EM 2016 in Amsterdam traten Speer- und Diskuswerfer in der Qualifikation auf dem Museumsplatz an. Beim Finale der Diamond League wetteiferten die Stabhochspringer im vergangenen Jahr im Züricher Hauptbahnhof. Gerade die spektakulären Höhenjäger sind gut darin geübt, sich dem Publikum in deren „Wohnzimmern“ zu zeigen. Marktplatzspringen sind zwar noch immer nicht an der Tagesordnung, aber schon des Öfteren eingeübt, wie nicht zuletzt die Showveranstaltung „Berlin fliegt“ beweist, die seit Jahren vor dem Brandenburger Tor für Aufmerksamkeit sorgt.

          Hoch- und Weitsprung würden sich auch bei der EM sicher gut in der Stadt durchführen lassen. Und selbst für einen Hundert-Meter-Sprint würde sich vermutlich ein geeignetes Areal finden lassen. Doch richtig angekommen ist die Leichtathletik erst dann in der Gesellschaft, wenn die Stadien wieder voll sind. Und zwar nicht nur bei den Highlight-Veranstaltungen, sondern auch im täglichen Wettkampfgeschehen.

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