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Leichtathletik-EM : Das Beste zum Schluss

  • -Aktualisiert am

Tränen der Rührung: Nadine Kleinert zeigt ihre Goldmedaille Bild: AFP

Nadine Kleinert und David Storl gewinnen Gold im Kugelstoßen, Christina Obergföll und Linda Stahl holen Silber und Bronze im Speerwerfen. Doch so unterschiedlich die Farben der Medaillen, so unterschiedlich ihre Wirkung auf die Sieger.

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          Auch der Tapfersten kamen schließlich die Tränen. Nadine Kleinert, in vielen internationalen Meisterschaften gestählte Kämpferin für die deutsche Leichtathletik und mehrfach Medaillendekoriert, hat auf dem Schlussbogen ihrer langen Karriere zum ersten Mal einen großen Titel gewonnen. Mit 19,19 Metern wurde die 36-Jährige am Freitag im sonnigen Helsinki Europameisterin im Kugelstoßen.

          Und als sie dessen gewahr wurde, nach dem letzten, schon nicht mehr wichtigen Versuch, da schossen ihr die Tränen der Rührung in die Augen. „In diesem Moment ist mir alles durch den Kopf gegangen, meine ganzen zwanzig Jahre als Kugelstoßerin“, bekannte sie hinterher: „Unglaublich. Es war fast wie vor dem Tod.“ Nur das Licht habe sie nicht gesehen. Dafür „strahle ich jetzt selbst wie die Sonne.“

          Am Ende eines langen Weges hat der Evergreen nun „alle Medaillen zusammen, die man erreichen kann.“ Bei Weltmeisterschaften war sie zwischen 1999 und 2009 dreimal Zweite und einmal Dritte geworden, bei den Olympischen Spielen von Athen gewann sie 2004 Silber. „Schon damals galt ich als Routinier in der deutschen Mannschaft“, erinnert sie sich. Und nun schaffte sie es als „Team-Oma“, wie sie sich selbst nennt, dass einmal in den Sportbüchern stehen wird: „Kleinert - Gold.“

          Kein Titel für Obergföll

          Nicht ganz so glücklich war gut eineinhalb Stunden später Christina Obergföll. Auch die Speerwerferin aus Offenburg hätte nur zu gerne ihren ersten internationalen Titel gewonnen, doch offenbar war die Zeit für sie noch nicht reif. Bis zum fünften Durchgang lag die Favoritin dank ihrer 65,12 Metern, die sie im ersten Versuch vorgelegt hatte, in Führung. Doch dann kam die Ukrainerin Wira Rebryk und gab die Spielverderberin: mit 66,86 Meter schob sie sich von Platz vier auf eins nach vorne. Und Obergföll konnte nicht mehr kontern.

          „Ich bin froh über die gute Weite“, erklärte die knapp Geschlagene danach tapfer: „aber natürlich bin ich auch enttäuscht, dass es wieder nur Silber ist.“ Es war ihre vierte Medaille in dieser Farbe bei Großereignissen, und eine Bronzene hat sie auch schon. Womit sie mit der bisherigen Bilanz von Nadine Kleinert gleichzog. „Ich bin auch schon ein alter Hase“, meinte die 30-Jährige, blickte aber sogleich nach vorne: „Die nächste Meisterschaft ist noch ein bisschen wichtiger als heute.“ Titelverteidigerin Linda Stahl aus Leverkusen erreichte 63,39 Meter, freute sich über Bronze, und hatte mit ihrer Rivalin Mitleid: „Ich hätte es ihr auf jeden Fall gegönnt.“ Sie selbst hat ihr Karriere-Gold ja auch schon – und das mit 26.

          Jung und erfolgreich: David Storl stößt 21,58 Meter.

          Storl mit der Gelassenheit eines Champions

          Noch mal fünf Jahre jünger ist David Storl, doch dieser Junge hat schon im zarten Wettkampfalter mehr erreicht, als man für ein ganzes Sportlerleben erwarten darf: Mit 21 ist er nun Welt- und Europameister im Kugelstoßen. Ein knappes Jahr nach dem Sensationssieg von Daegu nahm der Chemnitzer seinen zweiten Titelgewinn schon mit der Gelassenheit eines Champions zur Kenntnis. Er ballte nur kurz die Faust und verzichtete auf seinen letzten Stoß. Starke 21,19 Meter hatte er im ersten Versuch vorgelegt, 21,58 im dritten hinterher geschoben. Saisonbestleistung und eine Marke, an die die Konkurrenz bei weitem nicht heranreichte. Der Holländer Rutger Smith wurde mit Sicherheitsabstand (20,55) Zweiter, der Serbe Asmir Kolasinac knapp dahinter (20,36) Dritter. „In London will ich 22 Meter anbieten“, blickte Storl sogleich voraus: „Mal sehen, wozu das reicht.“

          „Ich hatte keinen einzigen perfekten Stoß“, maulte die oft ruppig erscheinende aber doch herzliche Nadine Kleinert selbst nach ihrem größten Sieg, der ihr mit kleiner Weite vor der Russin Irina Tarassowa (18,91) und Chiara Rosa aus Italien (18,47) gelungen war. Ihre zehn Jahre jüngeren Teamkolleginnen Josephine Terlecki (18,33) und Christina Schwanitz (18,25) belegten die Plätze vier und fünf. Der Einsatz in Helsinki war Kleinerts 49. Wettkampf im deutschen National-Trikot - nach dem 50. soll Schluss sein: in London.

          Bei den Olympischen Spielen will die Magdeburgerin noch mal „ins Finale einziehen und wieder beste Deutsche werden.“ Auch nach den Spielen von Peking hatte sie schon einmal ihren Rücktritt erklärt. Als Boxerin wollte sie sich damals versuchen – nahm von dieser Schnapsidee aber schnell wieder Abstand und hing noch eine Olympiade dran. Es sollte nicht zu ihrem Nachteil gewesen sein. Bei der Heim-WM in Berlin gewann sie 2009 mit Bestleistung (20,20) Silber, und nun zum krönenden Abschluss Gold. „Da muss man 36 Jahre alt werden…“, sagte sie ungläubig. Doch wie hatte sie als Teamkapitän vor der EM an alle deutschen Leichtathleten appelliert: „Kämpft mit Leidenschaft, siegt mit Freude, verliert mit Respekt, aber gebt niemals auf.“ 

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