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Leichtathletik-EM in Berlin : Der Verdacht ist wieder dabei

Dieter Kollark bei der Leichtathletik WM in London 2017. Bild: Imago

Im Deutschen Leichtathletik-Verband vollzieht sich ein Generationswechsel – und doch spielen bestimmte Trainer immer noch eine besondere Rolle, auch bei der EM. Das wirft Fragen auf.

          Der Weltmeisterschafts-Zweite im Hochsprung und Hallen-Weltmeister Danil Lyssenko aus Russland darf nicht an der Europameisterschaft in Berlin teilnehmen. Der Weltverband der Leichtathleten (IAAF) hat die internationale Starterlaubnis des Einundzwanzigjährigen als sogenannter neutraler Athlet widerrufen. Der russische Verband ist wegen systematischen Dopings seit drei Jahren suspendiert. Lyssenko habe nicht wie vorgeschrieben seine Aufenthaltsorte mitgeteilt („whereabouts“) und deshalb für Doping-Kontrollen nicht zur Verfügung gestanden, teilte die IAAF mit.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nicht erst mit dieser Nachricht hat der Verdacht die Europameisterschaft erreicht, bevor sie begonnen hat. „Er ist wieder da“ titelte, ebenfalls am Freitag, der „Tagesspiegel“ in Berlin und bezog sich damit auf den personifizierten Verdacht, auf Dieter Kollark aus Neubrandenburg. Der 73 Jahre alte Trainer hat eine Geschichte als Doper und Informant des Staatssicherheitsdienstes in der DDR und betreut die deutsche Diskus-Meisterin Claudine Vita. Kollark hält sich zugute, auch unter den neuen Bedingungen, will sagen: ohne Doping, für Erfolge zu sorgen. Kugelstoßerin Astrid Kumbernuß, zeitweise seine Lebensgefährtin, wurde 1996 Olympiasiegerin und bis 1999 dreimal Weltmeisterin; Diskuswerferin Franka Dietzsch gewann von 1999 an drei Weltmeisterschaften. Seit dem vergangenen Jahr ist die Chinesin Gong Lijiao Weltmeisterin im Kugelstoßen. Ihr Verein: der Sportclub Neubrandenburg. Ihr Trainer: Dieter Kollark.

          Zeitplan der Leichtathletik-EM 2018 in Berlin

          Als Claudine Vita sich in der zurückliegenden Woche ins Trainingslager Kienbaum im Windschatten Berlins zurückzog, war von Kollark nichts zu sehen. Gegenüber Journalisten sprach die Sportlerin von ihrer Trainerin Astrid Kumbernuß, und wenn nicht diese sie betreut, tut das Bundestrainer Jürgen Schult. Kollark hatte sich mit Gleichgewichtsstörungen wegen einer Ohrenentzündung entschuldigt. Auch im Wettkampf wird er Claudine Vita nicht betreuen. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) bestätigte, dass Kollark nicht akkreditiert sei.

          Bilderstrecke

          Schult ist nach Informationen der F.A.Z. seit Monaten nicht mehr „Leitender DLV-Bundestrainer Wurf/Stoß“, wie der Verband ihn auf seiner Website führt. In der EM-Mannschaftsbroschüre steht sein Name gemeinsam mit dem des Leipziger Trainers Rene Sack für „Diskus Frauen“; für „Diskus Männer“ sind demnach Marko Badura und Thorsten Lönnfors zuständig, die Trainer der beiden Hartings. „Ich bin Cheftrainer Wurf“, beharrt Schult am Telefon. Er bestätigt allerdings, dass er seit dem 1. März bei der Sportfördergruppe der Bundespolizei in Kienbaum als Leichtathletiktrainer angestellt ist; mit dem DLV verbinde ihn seitdem ein Honorarvertrag. „Ich traue mir zu, beides gleichzeitig zu machen“, sagt er. Nach Informationen der F.A.Z. wird drei Wochen nach der Europameisterschaft ein neuer Cheftrainer für die Wurf- und Stoßdisziplinen benannt werden.

          Schult, Jahrgang 1960, war nicht Trainer in der DDR. Seit Juni 1986 hält er mit 74,08 Meter den schier unerreichbaren Weltrekord im Diskuswerfen. Der Litauer Virgilius Alekna kam der Marke zwanzig Zentimeter nah; die deutschen Olympiasieger Lars Riedel (Bestleistung 71,50 Meter), Robert Harting (70,66) und Christoph Harting (68,37) blieben weit dahinter zurück. Der Vermutung, dass nicht allein die berühmte Bö von hinten rechts hinter der phantastischen Leistung steckt, sondern auch jahrelanges Doping, wie es im Spitzensport der DDR üblich war, widerspricht Schult nicht. Der einstige Athlet von Traktor Schwerin sagt überhaupt nichts zu seinem Weltrekord, außer dass er hoffe, er werde endlich übertroffen. Zum Thema Doping, das musste er einräumen, log Schult vor bald zwei Jahrzehnten vor Gericht; gegen Zahlung von 12.000 Mark wurde das Verfahren eingestellt. Seit 2001 ist Schult Bundestrainer – oder war es. Im DLV, der nach der deutschen Einheit nicht wenige belastete Trainer aus der DDR verpflichtete, ist der Generationswechsel vollzogen. Größer als der Verdacht ist die Erinnerung.

          Wie dringend nötig die Erneuerung dennoch ist, machte im Oktober Jochen-Friedrich Buhrmann bekannt, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Schwerin. Bei einer Veranstaltung schilderte er den Fall eines körperlich und psychisch schwer geschädigten ehemaligen Kugelstoßers, der, teilweise gelähmt und abhängig von Medikamenten, in tiefe Depression fiel, als er im Rollstuhl die Fernsehübertragung von der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in London verfolgte. [...]

          Was Schäden durch Doping anging, war Kollark nicht zimperlich. 1984 lobten Vorgesetzte ihn so: „Obwohl es eine schwere psychische Belastung darstellte, dass die sportmedizinischen Probleme praktisch immer wieder zum Abbruch der Leistungsentwicklung führten, bewahrte Sportfreund Kollark seine optimistische und kämpferische Haltung.“ Claudine Vita sei eine mündige Athletin, teilt der Leichtathletik-Verband mit. Ihre eigenständigen Entscheidungen gelte es zu respektieren.

          Anm. d. Red: Zu diesem Beitrag gibt es eine Gegendarstellung bezüglich Dieter Kollark.

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