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Kommentar zur Leichtathletik-EM : Keine Weltklasse in Zürich

Eines der Opfer der Pannen-EM: Melanie Bauschke Bild: dpa

Falsch gemessen, zur Unzeit Interviews, teure Eintrittskarten: Ausgerechnet am Super-Standort Zürich misslingt die Leichtathletik-Europameisterschaft.

          Auch die Teilnehmer am Marathon haben es schmerzhaft zu spüren bekommen: Die Leichtathletik-Europameisterschaft in Zürich hatte Höhen und Tiefen. Sie mussten zum Schluss über Stock und Bordstein, über Straßenbahnschienen und steile Rampen durch die Innenstadt rennen.

          Vor allem aber fanden die sechs Tage Leichtathletik mit 1400 Teilnehmern in fünfzig Nationalmannschaften und in 48 verschiedenen Disziplinen im Letzigrund statt. Das Stadion dieses Namens wurde vor sieben Jahren zwar abgerissen, aber überzeugend neu gebaut. Der Geist des Ortes und sein geradezu sagenhafter Ruf wurden erhalten. Zu den 25 Weltrekorden, die dort in der Vergangenheit beim Sportfest „Weltklasse in Zürich“ aufgestellt wurden, kam nun kein neuer. Die unglaubliche Bestleistung des Franzosen Yohann Diniz, fünfzig Kilometer in 3:32:33 Stunden zu bewältigen, wurde in der abseitigen Disziplin des Renn-Gehens aufgestellt und noch dazu bei strömendem Regen – nicht in der Arena, sondern auf den Straßen der Stadt. Sie geht nicht in die Annalen des Letzigrund-Stadions ein.

          Doch auch das Bild im Stadion, besser: das Bild, welches das Fernsehen aus dem Stadion vermittelte, war nicht ungetrübt. Gewiss, für Sturzbäche und lebensgefährliche Windböen können die Organisatoren nichts. Wohl aber fallen die Fehlleistungen der kleinkarierten, manchmal sichtlich überforderten Kampfrichter auf sie zurück.

          Tränen als Erinnerung

          Schier unglaublich, dass Pannen bei der Weitenmessung stets deutsche Sportlerinnen und Sportler betrafen: Hammerwerferin Betty Heidler, Zehnkämpfer Kai Kazmirek und Weitspringerin Melanie Bauschke. Weil sich Letztere wegen einer falsch angegebenen Distanz Hoffnung auf eine Medaille gemacht hatte, stürzte die Korrektur sie in zeitweiliges Unglück; ihre Tränen werden genauso Teil der Erinnerung an diese Titelkämpfe sein wie der Striptease des laufenden Rüpels Mahiedine Mekhissi-Benabbad, das Pfeifkonzert der französischen Besucher bei der Siegerehrung für den Spanier Angel Mullera, der durch seine Disqualifikation zu einer Bronzemedaille kam, und die an den ersten Tagen leeren Zuschauerränge.

          Unter sich sind Leichtathleten oft genug. An den Feiertagen ihres Sports sollten nicht auch noch Eintrittspreise wie für die Oper für Exklusivität sorgen. Der Anspruch der Deutschen, bei ihrer Europameisterschaft in vier Jahren in Berlin, Familien den mehrmaligen Besuch im Olympiastadion zu ermöglichen, ohne dass ihnen der Ruin droht, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Vermutlich aber wird auch Kompaktheit ein Faktor werden müssen.

          Dem Maßstab nicht gewachsen

          Die Europameisterschaft neuerdings alle zwei Jahre auszutragen, Gehen und Marathon aber nur alle vier, schreit, auch wegen des Aufwandes, den die Veranstalter für die Straßenrennen treiben müssen, nach einer Korrektur: nicht nach Streichung allein, sondern womöglich nach einer eigenen Straßenlauf-Meisterschaft.

          Vor allem aber dürfte die Europameisterschaft im Letzigrund unter dem großartigen Ruf des jährlichen Sportfestes gelitten haben, das zum nächsten Mal in 14 Tagen wieder dort stattfinden wird. Längst eine wichtige Etappe der Diamond League, hat es Maßstäbe gesetzt, an der sich die Europameisterschaft messen lassen musste. Die Woche der Titelkämpfe war, so einfach ist das, doch nicht Weltklasse in Zürich.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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