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Im Gespräch: Li Ning : „Wir wollen unsere Kultur nach Europa transportieren“

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Große Ehre: 2008 darf Li Ning die olympische Flamme im Pekinger Vogelnest entzünden Bild: dpa

Li Ning, dreimaliger Olympiasieger im Turnen, drängt mit seinen Sportartikeln nun auch auf den europäischen Markt. Im FAZ.NET-Interview spricht Li über verrücktes Design, die Enttäuschung über seinen Star Isinbajewa und den Export der chinesischen Kultur.

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          Li Ning war in den 80er Jahren ein exzellenter Kunstturner, er gewann bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 sechs Medaillen, darunter drei Goldene. Zudem absolvierte er ein Jura- und ein Management-Studium. Nach seiner Karriere gründete er ein Bekleidungsunternehmen, das mittlerweile Marktführer in China ist. Bei den Spielen von Peking 2008 sorgte der einstige Turner weltweit für Aufmerksamkeit, als er scheinbar fliegend die Olympische Flamme entzündete. Nun strebt er als Unternehmer auf den europäischen Markt.

          FAZ.NET traf den 48-Jährigen am Rande der Leichtathletik-Europameisterschaften in Helsinki. Li Ning trägt ein grünes T-Shirt aus eigener Produktion. Seine muskulösen Oberarme weisen den kleinen Mann noch immer als aktiven Sportler aus.

          Mr. Li Ning, Sie tragen sehr lässige Kleidung für einen Unternehmer. Ist das nur hier im sportlichen Umfeld so, oder zeichnet das generell Ihren Stil aus?

          Ich liebe es, sportliche Kleidung zu tragen. Das ist mir angenehm. Die leitenden Angestellten meines Unternehmens weisen mich aber immer wieder darauf hin, dass ich mich förmlicher kleiden sollte. Wie ein Chef einer großen Firma eben.

          Treiben Sie denn selbst noch Sport?

          Natürlich, ich spiele Tischtennis, wie alle Chinesen. Und Golf.

          Und Turnen?

          Nein, ich turne nicht mehr. Gerätturnen ist zu schwierig in meinem Alter. Ich bin fast 50. Aber wenn ich meine Kunstturnschule besuche, dann vergleiche ich mich immer noch mit den Schülern – im Handstand. Wissen Sie, ich habe vor zwanzig Jahre eine Schule für Kunstturner gegründet, und diesmal könnte es einer meiner Schüler zu den Olympischen Spielen schaffen.

          Eine große Show in London? Li-Ning-Testimonial Isinbajewa

          Haben Sie als Unternehmer von Ihrer sportlichen Karriere profitiert?

          Ja, definitiv. Ich habe sehr davon profitiert. Als Athlet lernte ich, meine eigenen Ziele zu definieren, und wie ich es erreichen kann, auch das Überwinden von Widerständen. Dieses Wissen nutzte mir sehr beim Aufbau und der Führung meines Unternehmens.

          Ist Ihnen der ökonomische Erfolg genauso wichtig wie früher der sportliche?

          Ja, es ist genauso wichtig. Beides ist Teil meines Lebens.

          Sind Sie in Helsinki wegen des Sports, oder aus wirtschaftlichen Gründen?

          Wegen beidem. Zum einen möchte ich natürlich die Meisterschaften sehen. Aber wichtiger für mich ist die Zusammenarbeit mit der „L-Fashion-Group“, meinem neuen finnischen Vertriebs-Partner, der mir helfen soll, in Europa Fuß zu fassen und meine Produkte in die Läden zu bringen. „Li Ning“ ist Sponsor der Leichtathletik-EM. Alle freiwilligen Helfer tragen meine Kleidung. Ich hoffe, dass dadurch auch die Bevölkerung auf unsere Sachen aufmerksam wird.

          Seit 1984 ein chinesischer Held: Li Ning bei den Spielen in Los Angeles

          Zielen Sie mit Ihren Produkten auf den Alltagssportler oder auf Hochleistungsathleten?

          Zunächst ziele ich auf den Kreis der Athleten, und hoffe dann, dass die sportinteressierten Konsumenten auf meine Ware aufmerksam werden.

          Sie sind Ausrüster von Jelena Isinbajewa, der Olympiasiegerin im Stabhochspringen. Sind Sie nicht enttäuscht, dass Jelena hier nicht gestartet ist?

          Natürlich bin ich enttäuscht darüber, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass sie bei den Olympischen Spielen in London eine große Show zeigen wird.

          Es hat Sie bestimmt einiges gekostet, dass ein Star wie Isinbajewa auf Ihre Marke umsteigt?

          Billig ist sie nicht, das ist richtig. Aber sie ist es definitiv wert für uns. Ich hoffe, mehr und mehr Europäer werden ihrem Vorbild folgen, und unsere Kleidung und Schuhe tragen.

          Warum sollten europäische Kunden denn zu chinesischen Marken wechseln?

          Wir leben in einer sich verändernden Welt. Der chinesische Markt hat sich auch geändert, geöffnet. Wir möchten ein Teil dieser Veränderung sein und hoffen, dass wir unsere Kultur auch nach Europa transportieren können. Lasst den Wandel Wirklichkeit werden.

          Aber glauben Sie denn, dass Bedarf besteht?

          Europa hat eine lange Sporttradition. Nun wollen wir diesem Markt unsere Sicht des Sports mitteilen. Es wird sicherlich Zeit brauchen, bis die Konsumenten unsere Kleidung annehmen. Für Europa sind wir eine neue Marke. Deshalb werden wir Schritt für Schritt vorgehen. Wir haben uns drei bis fünf Jahre Zeit gegeben. Die „L-Fashion-Group“ ist erfahren, was Verkauf und Vermarktung angeht.

          Vorbereitung auf London: Li (l.) durfte am 17. Mai die olympische Flamme entzünden

          Wie soll die Zusammenarbeit aussehen?

          Produziert wird in China, wir haben dort etwa 4000 Mitarbeiter. Und die Europäer übernehmen das Produkt-Design und die Vermarktung.

          Zielen Sie langfristig auch auf den amerikanischen Markt?

          Amerika ist auch interessant für uns, aber dort verfolgen wir eine andere Strategie. In Amerika zielen wir nur auf eine Sportart: Basketball. Und vertreiben das alles übers Internet. In Europa wollen wir in die Läden.

          Warum haben Sie nach Ihrer Karriere überhaupt ein Unternehmen gegründet?

          In den späten achtziger Jahren dachte ich, ich sollte etwas mit Sport machen. Ich gründete die Firma und hoffte, dass es klappt.

          Und warum Sportbekleidung?

          Als Athlet wollte ich immer wissen, wie die Trikots meinen Körper beim Turnen unterstützen, ausbalancieren könnten. Diese Idee forcierten wir dann als Unternehmen. Unsere Philosophie ist, dass wir uns einerseits herausfordern müssen, unsere Grenzen erkennen, andererseits aber auch im Gleichgewicht leben sollten.

          Besser werden, aber zugleich in Harmonie leben?

          Genau. Die Produkte sollen richtig passen. Wobei für den europäischen Markt hinzukommt, dass die Sachen auch noch schön oder ein bisschen verrückt aussehen müssen. Der Sportler soll sie auch gerne betrachten. Als ich ein Athlet war, habe ich sehr viel Unterstützung und Anfeuerung vom europäischen Publikum erhalten. Jetzt hoffe ich, dass die Leute auch meine Produkte mögen.

          Sie sind einmal mit dem Slogan „anything is possible“ angetreten. Ist wirklich alles möglich?

          Ja, ich glaube schon. Als ich ein kleiner Junge war, und die Leistungen der großen Athleten sah, da hatte ich den Traum, einmal China als Turner repräsentieren zu können. Dieser Traum wurde Wirklichkeit. Dann gründete ich vor zwanzig Jahren mein Unternehmen mit ein paar Leuten. Heute habe ich 7000 Läden in China. Wir sind eine der größten Sport-Companys in ganz China. Das ist auch ein Traum. Als Athlet und Unternehmer habe ich meine Ziele verfolgt, ich glaube, Träume können Wirklichkeit werden. Ja, alles ist möglich.

          Das Gespräch führte Achim Dreis.
           

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