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Leichtathletik-EM : Wettkämpfe zum Genießen

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Der Geist von 1972 ist wieder da: Publikum bei der Leichtathletik in München Bild: dpa

Gänsehaut-Gefühl im Münchner Olympiastadion: Die Stimmung bei der Leichtathletik-EM begeistert alle Athleten.

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          Steffi Nerius hätte sich am liebsten „auf den Rasen gelegt und einfach nur die Stimmung genossen“. Klar, könnte man sagen, sie hatte ja auch eine Medaille gewonnen. Doch die Speerwerferin übermannte das Gänsehaut-Gefühl schon vor dem Wettkampf. „Ich hatte Tränen in den Augen und weiche Beine“ sagte die sonst eher robust erscheinende 30-Jährige.

          So wie ihr ging es vielen Athleten bei der Leichtathletik-EM im Münchner Olympiastadion. Das Publikum zeigt trotz widriger Bedingungen Spitzenleistungen und hat schon nach drei von sechs Tagen eine Auszeichnung verdient. Grit Breuer wollte ihre Silberne sogar aufteilen: „Jeder einzelne, der hier sitzt, hat ein Stück der Medaille verdient“, rief sie ergriffen ins Stadionmikrofon.

          „Ziiieh“ - Speerwerfen wie Skispringen

          Selbst Altmeister Dieter Baumann, der normalerweise in einem „Tunnel“ läuft, spürte „eine Symbiose“ mit dem Publikum. „500 m vor Schluss hörte ich so ein Grollen“, sagte der Vize-Europameister über 10.000 m. Aber es war kein weiteres Gewitter, sondern das Publikum, das auch im Regen ausharrte und antrieb.

          Nach miserablen Wetterbedingungen an den ersten beiden Tagen blieb der Donnerstag dann endlich trocken. Prompt strömten am Abend die maximal bei der EM möglichen 48.500 Zuschauer in die ausverkaufte Arena und sorgten für Festival-Stimmung. Steffi Nerius fühlte sich sogar ans Skispringen erinnert: „Ziiiieh“ brüllten Tausende, als sie ihren Speer durch die Luft feuerte.

          Woge der Begeisterung

          Wen immer man fragte, die Antworten ähnelten sich: „Tolles Publikum, unglaubliche Atmosphäre, Antrieb zu Höchstleistungen“ staunten Hürdenläuferin Heike Meißner, Dreispringer Charles Friedek und 400-m-Sieger Ingo Schultz übereinstimmend. Aber auch die nicht mit Medaillen dekorierten Athleten wie die 800-m-Mädchen Claudia Gesell und Yvonne Teichmann fühlten sich von der Woge der Begeisterung getragen.

          Zehnkämpfer Mike Maczey war noch am nächsten Vormittag völlig ergriffen vom Taktgefühl der Leute. Bei seinen Höhenflügen bis zu 5,10 m im Stabhochspringen gab er den Rhythmus vor und alle hielten ihn ein: „Klatsch - still - klatsch -still - gigantisch.“ Sein Kollege Sebastian Knabe brachte den Zehnkampf trotz dreier Fehlversuche und damit null Punkte im Stabhochspringen zu Ende: „Das war ich dem Publikum einfach schuldig. Außerdem wollte ich es bis zum Schluss genießen.“

          „Sprachlosigkeit als Ergebnis von Zufriedenheit“

          Dem Vize-Präsident Leistungssport im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), Rüdiger Nickel, fehlten sogar die Worte: „Sprachlosigkeit als Ergebnis von Zufriedenheit“ sagte er am Freitag früh: „Die Leistungen der Athleten waren sehr gut und der Rahmen, in den sie eingebettet sind, hervorragend.“

          München versprüht tatsächlich den olympischen Geist von 1972, auf den man sich im Vorfeld berufen hatte. Dieser Geist wird auch den Chancen der fünf deutschen Bewerberstädten für Olympia 2012 - Düsseldorf, Frankfurt/Main, Hamburg, Leipzig und Stuttgart - Auftrieb verleihen.

          Erinnerung an Stuttgart

          Bei jedem deutschen Teilnehmer, der antritt, geht ein Aufschrei durchs Stadion, aber auch alle anderen Athleten werden gefeiert. Immer wieder rollt „La Ola“ links- und rechtsrum durch die Arena. Beobachter sind sich einig: Das Publikum kann es sogar mit den Fans bei der WM 1993 in Stuttgart aufnehmen, die als Maßstab gilt und von der Unesco einen Fairnesspreis bekamen.

          „Jetzt ist es wesentlich für unseren Sport, dass wir diesen Schub nutzen und umsetzen können“, blickt Rüdiger Nickel schon voraus. Im Wettkampf der Sportarten hatten die deutschen Schwimmer mit ihrer EM in Berlin in der vergangenen Woche mit vielen Siegen und guter Stimmung vorgelegt. Aber der Vergleich hinkt. „Bei uns kann keiner fünf Goldmedaillen gewinnen“, sagte eine Athletin mit Seitenhieb auf Franzi van Almsick. Und für die Zahl der Zuschauer, die allein am Donnerstag das Olympiastadion füllten, müssten die Schwimmer schon vierzehn Tage lang ins Wasser springen.

          Umschalten auf Wettkampf

          Bis zum Donnerstagabend waren nach offiziellen Angaben insgesamt 154.000 Besucher gekommen. „Insgesamt habe ich auf 200.000 Besucher gehofft“, erklärte Wilfrid Spronk, Chef der Olympiapark München GmbH, „niemand hat mit einem derartigen Erfolg gerechnet.“

          Speerwerferin Steffi Nerius hatte am Donnerstag nur ein einziges Problem: „Ich hatte Schwierigkeiten, von Genießen auf Wettkampf umzuschalten.“ Erst mit ihrem dritten Wurf gelang es ihr - die 64,09 m bescherten ihr Silber und den Genuss ihrer ersten internationalen Medaille.

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