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Leichtathletik : Ein sauberer Champion

  • -Aktualisiert am

Der Beweis: Justin Gatlin ist Olympiasieger Bild: Reuters

Im schnellsten 100-Meter-Finale der olympischen Geschichte kam der Sieger Justin Gatlin in 9,85 Sekunden als der lachende Dritte vor seinen höher eingestuften Landsleuten an.

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          Mom and Dad müssen nachsitzen - weil ihr jüngster Sohn gerade sein olympisches Sprinter-Examen mit Bravour bestanden hat und jetzt ganz schnell wieder weg muß, um "zu den Leuten vom Fernsehen" rüberzurennen. Immer in Eile, der augenblicklich schnellste junge Mann der Welt. Das Elternpaar hält derweil die Stellung und plaudert zu den Neugierigen, die über Justin Gatlin noch nicht im Bilde sind, mit typisch amerikanischer Mutterfreude und patriotischem Vaterstolz. Natürlich sind Jeanette und Willi Gatlin die größten Fans ihres Sprößlings, dessen Konterfei die beiden im Partnerlook auf ihren T-Shirts tragen.

          Bunte Kopien eines Artikels aus dem Lokalblatt von Pensacola in Florida, mit der fetten Überschrift: "Gatlin rennt zu den Spielen". Offensichtlich eine Zeitung von vorvorgestern. Die aktuelle Ausgabe ist, so kurz nach der triumphalen Ankunft des flotten Filius, noch nicht da, jedenfalls nicht auf Stoff gedruckt. Sie muß unbedingt die Fortsetzungsgeschichte bringen, das Happy-end beschreiben: "Gatlin rennt zu Gold".

          „Ich habe ein historisches Rennen gewonnen“

          Und wie der das fertigbrachte. Im schnellsten Finale der olympischen Geschichte kam der unerwartete Sieger in 9,85 Sekunden als der lachende Dritte vor seinen höher eingestuften, weil schneller eingeschätzten Landsleuten an. Maurice Greene, der Olympiasieger von Sydney, brauchte 9,87 Sekunden. Shawn Crawford, als Jahresbester nach Athen gereist, benötigte 9,89 Sekunden. Auf Platz zwei hatte sich allerdings noch ein früherer Nigerianer gedrängt, der als Neu-Portugiese in 9,86 Sekunden Europarekord lief: Francis Obikwelu.

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          Die ersten vier Renner unter 9,9 Sekunden; selbst der Fünfte, Asafa Powell aus Jamaika, in 9,94 Sekunden noch "unter Zehn" geblieben - das ist einmalig. "Ich habe ein historisches Rennen gewonnen", sagte der erst 22jährige Justin Gatlin, der Kommunikation studiert und sich auf Sportgeschichtliches versteht, noch rasch, bevor er verschwand. Er wußte seine noch kurze Vita bei Mom and Dad schließlich bestens aufgehoben.

          Ein Athlet, der als Kind ein Alleskönner war

          Mit Engelsgeduld, ohne jede Eile und in der missionarischen Tonlage eines Therapiegesprächs suchen Jeanette und Willi Gatlin die Familienforscher davon zu überzeugen, daß Justin "stets ein guter, ganz pflegeleichter Junge war". Und natürlich immer noch ist, verrät die Mom: "Er hockt manchmal mit seinen Kumpels bis in den Morgen zusammen." Justin spiele Gameboy und Saxophon, liebe Pizza und Pianos. Ein hübsches, entspannendes Durcheinander im Alltag eines Athleten, der als Kind ein Alleskönner war: Baseball, Basketball, Football, Schwimmen.

          Trotz der Unrast, der in diesem Alter noch normalen Unentschlossenheit, sei Justin als Kind völlig problemlos gewesen, "eigentlich ein Musterschüler". Im Lernen wie im Laufen, vor allem im Laufenlernen. Das ging ihm allerdings schon in Kindertagen nicht schnell genug: "Er ist immer so gehüpft, und wir haben gedacht, er kann gar nicht richtig glatt laufen." Justin spezialisierte sich, logischerweise, auf den Hürdensprint. Und zwar mit solchem Ehrgeiz, daß er einmal hellauf empört nach Hause gekommen sei und sich gar nicht beruhigen konnte, weil ihn der Schultrainer zum erstenmal nicht aufgestellt habe: "Das soll er mir büßen."

          Im atemberaubenden Tempo zum Meister seines Fachs

          Eine komische Rache, dieser unverhoffte Olympiasieg. In atemraubenden Tempo ist der auf einen Schlag berühmt gewordene Nachfahre der gutmütigen Hausfrau und des verständnisvollen Schulinspektors, der sich um entlaufene Eleven kümmert, die den Unterricht schwänzen, nun zum Meister seines Fachs geworden: eben ein Champion. Genau das wollte Justin Gatlin immer werden, "ein Champion, und ein Rekordhalter". Letzteres kann man ihm noch nicht bescheinigen - oder nur bei ganz großzügiger Auslegung. Die 9,85 Sekunden sind persönlicher Rekord eines Sportlers, der nicht vergessen hat, wer ihm im wichtigsten Alter den Weg ebnete.

          Beim Buchstabieren des entscheidenden Männernamens kommt der in Brooklyn geborene, aber "nie als Underdog behandelte" junge Gatlin plötzlich ins Stottern: "Jay C-o-r, äh, May. Jay Cormay." Sein erster Highschool-Trainer, der vom dankbaren Lehrling 2002 dessen Diplom von der Pensacola School Association geschenkt bekam - bevor der einstige Musterschüler vor zwei Jahren Profi wurde und seither vom Ausstatter Nike ansehnlich fürs Rennen honoriert wird.

          Unsauberer Balco-Plan namens „Projekt Weltrekord“

          Einen höchst aktuellen Namen nimmt Justin Gatlin nicht einmal in den Mund, als er seine Dankadresse an alle vorolympischen Helfer veröffentlicht: Trevor Graham. Langjähriger Coach der dopingverdächtigen Marion Jones und Tim Montgomery. Graham, der laut Untersuchungspapieren im Zusammenhang mit dem Dopingskandal um die Bay Area Laboratory Co-Operative (Balco) eine verdächtige Rolle spielt - unter anderem, weil er an einem unsauberen Balco-Plan namens "Projekt Weltrekord" beteiligt gewesen sein soll, von dem Tim Montgomery 2002 tatsächlich mit seinen 9,78 Sekunden profitierte.

          Graham hat sich nach dem Finale in Athen zwei amerikanischen Tageszeitungen gegenüber endlich als der bislang anonyme Trainer zu erkennen gegeben, der die berühmt gewordene Spritze mit dem Designersteroid Tetrahydrogestrinon an die amerikanischen Dopingfahnder schickte - aus Rache am Balco-Chef Victor Conte, mit dem er sich geschäftlich überworfen hatte. In Grahams Diktion klingt das Motiv selbstverständlich viel edler: "Für mich als Trainer schien die richtige Zeit gekommen. Ich würde es wieder tun".

          Jetzt trainiert Trevor Graham den Olympiasieger und den Olympiavierten von Athen. Zwei gute Freunde, "zwei liebe Jungs", von denen einer vor drei Jahren allerdings mal ganz unangenehm aufgefallen ist. Justin Gatlin, der nach seinem Triumph in Athen vollmundig von sich behauptete, "ein wahrhaft sauberer Champion" zu sein, wurde als Neunzehnjähriger positiv auf ein Aufputschmittel getestet und für ein Jahr gesperrt. Davon haben Mom and Dad gar nichts erzählt.

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