https://www.faz.net/-gtl-8dgup

IAAF-Korruptionsskandal : Digel hat’s gewusst

Bröckelnde Verteidigung: Helmut Digel wusste mehr von den Schmiergeldzahlungen beim IAAF, als er bislang zugeben mochte. Bild: dpa

Wegen seiner Rolle im Korruptionsskandal beim Leichtathletik-Weltverband fühlte sich Helmut Digel lange Zeit verleumdet. Jetzt muss er einen Vorgang einräumen, der seine Verteidigungslinie zusammenbrechen lässt.

          Eine „unglaubliche Verleumdung“ beklagte Helmut Digel vor ziemlich genau neun Wochen. Er meinte den Verdacht der Mitwisserschaft. Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hatte ihn ausgesprochen, als er auf der Vollversammlung des deutschen Sports am Nikolaustag Theo Zwanziger und Digel vorwarf, ihrer Verantwortung in den Weltverbänden für Fußball und Leichtathletik, der Fifa und der IAAF, nicht gerecht geworden zu sein. Digel verlangte eine Entschuldigung, Hörmann blieb bei seinem Vorwurf. Nun ist der Verdacht der Mitwisserschaft des emeritierten Professors, ehemaligen Verbandspräsidenten und mehrmaligen Sportfunktionär des Jahres so groß geworden, dass er fast schon ein Beleg ist.

          In einem Sumpf aus Gier und Skrupellosigkeit, zu dem der Weltverband der Leichtathleten offenbar verkam, trieben Doping und Korruption Blüten, und zu Recht muss sich Sebastian Coe, der neue Präsident der IAAF, fragen lassen, wie er in acht Jahren als Vizepräsident und bei seiner steilen Karriere als bestens vernetzter Sportvermarkter vermeiden konnte, dass ihm auch nur der Geruch davon in die Nase stieg. Der Soziologe Digel, der sich eine Haltung der teilnehmenden Beobachtung zugelegt hatte und Personen und Strukturen der Verbandswelt mit schneidender Schärfe beurteilte, scheint im Gegensatz zu Coe nicht trockenen Fußes über Dreck und Abgründe hinwegspaziert zu sein.

          Er muss einräumen, dass er im „Hotel Mövenpick“ am Stuttgarter Flughafen dabeisaß, als Papa Massata Diack, der ungenierte Geldeintreiber seines Vaters, von der Stadt eine Million Dollar forderte – ganz eindeutig nicht nur für die Entwicklung des Sports in den ärmsten Gegenden der Welt, sondern auch und vor allem, um andere und sich selbst zu schmieren. Auch wenn Digel darauf hinweist, dass die Vertreter der Kommune der Aufforderung zur Korruption nicht folgten: Was, wenn nicht seine Mitwisserschaft hat Digel in die Lage versetzt, den zwölf Jahre zurückliegenden Vorgang nun der Ethik-Kommission des Weltverbandes zu melden? Die Forderungen von Stuttgart waren Teil eines Musters. Nach ihm hat der Diack-Clan den moralischen Kern der Leichtathletik ausgehöhlt – unter den Augen der derjenigen, die Verantwortung übernommen hatten für diesen Sport.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Shitstorm des Tages : Ein „Aufstand der Generäle“ als Rohrkrepierer

          Uwe Junge ist rhetorisch kampferprobt. Gegen die neue Verteidigungsministerin fährt der AfD-Politiker und ehemalige Stabsoffizier ganz großes Geschütz auf. Doch der Schuss geht nach hinten los. Übrig bleibt geistiges Brandstiftertum.

          Lichtverschmutzung : Der helle Wahnsinn

          Die Nacht verschwindet und mit ihr zahlreiche Tierarten. Dabei wäre es so einfach, das Licht in den Städten zu dimmen, ohne auf Sicherheit zu verzichten. Wie der Wandel gelingen kann, führt die Sternenstadt Fulda vor.
          Der neue Vorsitzende der Tories? Boris Johnson in Maidstone

          FAZ Plus Artikel: Mit neuem Tory-Vorsitz : Der Deal ist so gut wie tot

          Im andauernden Machtkampf um die Parteispitze der Konservativen wird deutlich: Der ausgehandelte Deal ist kaum noch zu retten. Boris Johnson spielt stattdessen öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen – um der EU zu drohen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.