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Legenden : Emil Zatopek: Laufwunder, Kultfigur und Volksheld

  • -Aktualisiert am

          Guten Freunden verzierte Emil Zatopek das Autogramm mit einer schnellen Strichzeichnung: Ein Mann läuft einer Frau davon, die einen Speer wirft.. Der Läufer aus Prag pflegte die Geschichten, die um ihn rankten. Er sei damals in Helsinki so schnell gelaufen, erzählte Zatopek, um nicht vom Speer seiner Frau Dana Zatopkova getroffen zu werden.

          So hübsch sie war, diese Anekdote, sie war falsch. Emil Zatopek hat sie selbst noch zu Lebzeiten richtig gestellt. „Ich hatte die 5 000 m schon gewonnen, als Dana gerade erst zum Speerwerfen ins Stadion kam.“ Schnell war er und verschmitzt wie Schweijk. Doch ein „braver Soldat“ („In Friedenszeiten im Militär zu dienen, ist der Himmel auf Erden“) war Emil Zatopek nur bis zu jenem 20. August 1968, als sowjetische Truppen den „Prager Frühling“ beendeten. Ein Bild ging um die Welt: In Uniform klettert das Sportidol auf einen Panzer und fordert die Sowjets auf, nach Hause zu fahren. Dieser Tag veränderte das Leben von Emil Zatopek und seiner Frau Dana grundlegend.

          Vom gefeierten Held zum geächteten Sportler

          Aus dem gefeierten Sporthelden und Aushängeschild der CSR wurde ein Geächteter. Er wurde aus Partei und Armee ausgestoßen, für Jahre totgeschwiegen. Zatopek verschwand als Hilfsarbeiter in einem Bohrtrupp. Vier Jahre später leitete der deutsche NOK-Präsident Willi Daume eine erneute Wende ein: Er lud Zatopek zu den Olympischen Spielen nach München ein. Nun durfte er wieder reisen. Die politische Führung in Prag war zur Erkenntnis gekommen, dass das besser sei, als ständig die internationale Frage zu hören: Was ist mit Zatopek?

          Durch Zufall und widerwillig zwar Zatopek 1942 zur Leichtathletik gekommen. Als sein Chef in der Schuhfabrik Bata den Lehrling Zatopek zur Teilnahme an einer Cross-Veranstaltung gezwungen hatte und Emils „Krankmeldung“ vom Arzt mit „Simulant“ abgelehnt war, wurde Zatopek trotzig: „Jetzt will ich auch gewinnen.“ Es war der Startschuss zu einer unvergleichlichen Karriere.

          Glanzvolle Laufbahn mit vier Olympiasiegen

          Zatopek feierte vier Olympiasiege: 1948 in London über 10 000 m, 1952 in Helsinki über 5 000 m in jenem denkwürdigen Rennen gegen Herbert Schade, über 10 000 m und bei seinem ersten Marathonlauf überhaupt. Drei Europameistertitel und 18 Weltrekorde sind weitere Höhepunkte einer glanzvollen Laufbahn, die nur von dem finnischen Langläufer Paavo Nurmi übertroffen wurde.

          Dass Dana ihren Emil zum Aufhören überredete mit den Worten, „mach Schluss mit dem Traben, Du klaust den Jungen die Medaillen, man muss Dich noch auf der Aschenbahn erschießen“, gehört ebenfalls zu den Legenden, die das seit 1948 verheiratete Paar wob. Es war eher der sechste Platz beim olympischen Marathon 1956 in Melbourne, der die „Lokomotive von Prag“ zum Aufhören anregte.

          Athlet des Jahrhunderts mit Depressionen

          Seine letzten Lebensjahre verbrachte Zatopek als hochangesehener Mann in Prag. Immer wieder trat als Stargast bei Sportveranstaltungen und Talkrunden auf, gab diesen seine besondere Note. Schon 1997 wurde Emil Zatopek zum tschechischen „Athleten des Jahrhunderts“ gewählt. Allerdings ließ seine Gesundheit in den vergangenen Jahren nach. Nach einer Oberschenkelhals-Operation war Zatopek in den vergangenen Wochen zunehmend in einen depressiven Zustand verfallen.

          Sein letzter großer Wunsch erfüllte sich nicht. „Die Olympischen Spiele 2000 in Sydney möchte ich noch erleben“, hatte er an seinem 75. Geburtstag gesagt. Die schweren Krankheiten machte dies zunichte. Immerhin verfolgte er die olymischen Wettbewerbe noch am Fernseher.

          Zurück bleibt seine Frau Dana, mit der er so viele Gemeinsamkeiten hatte: Beide wurden am 19. September 1922 geboren, beide wurden am selben Tag, dem 24. Juli 1952 in Helsinki, Olympiasieger. Der Kinderwunsch blieb dem großen Sportler-Ehepaar versagt. Aber auch da wusste Emil seine Dana auf die ihm eigene Art zu trösten: „Kopf hoch, Mädel. Wegen uns stirbt die Menschheit nicht aus.“



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