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Länderspiel-Kommentar : Qualität durch neue Reize

Bundestrainer Löw zog aus der EM Konsequenzen, die seinem Team und seiner Rolle guttun Bild: dpa

Es war kein Fußballfest der deutschen Mannschaft gegen Wales, doch Löws im Selbstfindungsprozess befindliches Team ist einen schönen Schritt weitergekommen. Der Bundestrainer sendet das richtige Signal: Konkurrenzkampf bringt die Nationalelf weiter.

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          Es war eines jener Spiele, die Trainern besser gefallen als Zuschauern. Neunzig Minuten anrennen gegen eine rote Mauer aus neun Walisern, die sich in zwei Riegeln im und um den Strafraum verschanzen, diese Aufgabenstellung eignet sich nicht sonderlich für ein Fußballfest. Aber immerhin erreichte die deutsche Mannschaft mit dem Treffer von Trochowski ihr vornehmlichstes Ziel dieses Doppelspieltags auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika (siehe auch: 1:0 gegen Wales: Trochowskis Schussgewalt gegen walisische Zerstörungswut).

          Das 1:0 gegen Wales bedeutete den zweiten Heimsieg innerhalb einer Woche, die verteidigte Tabellenführung nach vier Spieltagen und eine gute Startposition für die restlichen sechs Begegnungen im kommenden Jahr. Als erfreuliche Erkenntnis zum Abschluss des Qualifikationsjahres konnte Joachim Löw auch mitnehmen, dass sein seit der Europameisterschaft im Selbstfindungsprozess befindliches Team einen schönen Schritt weitergekommen ist.

          Erfreuliche Entwicklung als persönlicher Erfolg

          Dem zeitweilig glanzvollen Auftritt beim 2:1 im Spitzenduell gegen Russland (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Alles zum 2:1 gegen Russland) folgten im Dauerregen – also unter walisischen Alltagsbedingungen – zumindest in der zweiten Halbzeit nimmermüde körperliche und mentale Anstrengungen, um sich über die widrigen Umstände hinwegzusetzen.

          Der Bundestrainer kann die in der Summe erfreuliche Entwicklung des Teams als persönlichen Erfolg nach einer Europameisterschaft verbuchen, die trotz des zweiten Platzes Veränderungen innerhalb der Mannschaft und auch Korrekturen in seiner Haltung notwendig machte. Löw hat gut hundert Tage nach dem verlorenen Endspiel Konsequenzen aus dem Turnier gezogen, die seinem Team und seiner Rolle guttun.

          Große Verdienste bedeuten kein Startelf-Plätzchen

          Der Bundestrainer hat mit den Personalentscheidungen in Sachen Metzelder und Frings (von Kuranyi gar nicht zu reden) genau jene Konsequenz bewiesen, die man sich schon etwas früher gewünscht hätte, um neue Anreize in der zuletzt doch nur eingeschränkt funktionierenden Fußball-Leistungsgesellschaft zu setzen (siehe auch: Löw im Gespräch: „Torsten Frings ist für mich wichtig“). Zudem ist es ihm gelungen, mit Trochowski wieder jenes spielerische Element in das deutsche Mittelfeld zu integrieren, das seit dem Verlust von Bernd Schneider so schmerzlich vermisst wurde.

          Der Verzicht auf den verletzungsgeplagten Madrider Innenverteidiger Metzelder war das erste Zeichen für einen Konkurrenzkampf, über den Löw zuvor lieber nur geredet als danach gehandelt hatte. Dass gegen Russland und nun auch gegen Wales der Bremer Torsten Frings, eine der zentralen Figuren des WM-Teams 2006, seinen Platz auf dem Weg zur Endrunde 2010 nur noch auf der Ersatzbank hatte, ist genau als jenes Signal verstanden worden, das Löw geben wollte: Klangvolle Namen und große Verdienste müssen nicht mehr gleichbedeutend mit einem Plätzchen in der Startelf sein.

          Neuer Reiz und neue Qualität in der WM-Qualifikation

          In der Innenverteidigung hat Heiko Westermann seine neue Chance genutzt, ohne dass der Bundestrainer nun sogleich eine Stammplatzgarantie gegen die nächste eingetauscht hätte. Löw brachte unmittelbar nach dem 1:0 den Stuttgarter Sedar Tasci als Konkurrenten mit großen Talenten rhetorisch ins Spiel – und hielt zudem Metzelder die Tür für eine Rückkehr in die Defensivzentrale ganz weit offen.

          Im Mittelfeld schadet es der Spannung innerhalb der Mannschaft auch keineswegs, dass sich dort mit Hitzlsperger, Frings und Rolfes gleich drei Spieler um den Platz neben Kapitän Ballack streiten. Dass die deutschen Profis nicht immer nur hören, sondern jetzt tatsächlich erfahren, dass sie sich immer wieder selbst neu qualifizieren müssen, bringt einen ganz neuen Reiz und Qualität in die deutsche WM-Qualifikation.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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