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"Kraft zum Leben" : Umstrittene Werbung von Langer und Sergio

  • -Aktualisiert am

Woher holt er sich Kraft und Konzentration? Bernhard Langer Bild: dpa

Bernhard Langer und Paulo Sergio werben für das Buch "Kraft zum Leben" einer christlich-fundamentalistischen Stiftung, der Verbindungen zur Mun-Sekte nachgesagt werden.

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          Ob im Fernsehen, an Plakatwänden oder in Zeitschriften: Im Moment scheint man nirgendwo vor religiösen Geständnissen scheinbar erleuchteter Sportler oder Künstler sicher zu sein. "Kraft zum Leben", das ist der Titel des Buches, dem Menschen wie Philip Prinz von Preussen, Cliff Richards aber auch prominenten Sportler wie Bernhard Langer oder Paulo Sergio nach eigenem Bekunden neue Lebensfreude und Seelenheil verdanken.

          Genauso glücklich zu werden wie die Promis scheint nicht schwer: Bei dem prominenten Anlitz steht eine Telefonnummer unter der sich jeder eine Gratisausgabe des Glückbringers bestellen kann. Die meisten müssen allerdings bis zu sechs Wochen auf das Seelenheil warten: Die Werbekampagne hat so gut eingeschlagen, dass die "Arthur S. DeMoss-Stiftung", die das Buch verschenkt, mit der Lieferung nicht nachkommt.

          Kontakt mit der Mun-Bewegung?

          Doch die Kritik verschärft sich. Sektenbeauftragte erheben schwere Vorwürfe gegen die verantwortliche Stiftung. "Die DeMoss-Stiftung hat engste Kontakte zu den evangelischen Rechten", kritisiert Thomas Grandow von der evangelischen Kirche in Brandenburg: "und deren Sprecher hat intensive Kontakte mit der Mun-Bewegung nicht gescheut."

          Unwissender Strahlemann? Paulo Sergio
          Unwissender Strahlemann? Paulo Sergio : Bild: dpa

          Er hält es für bedenklich, "dass eine Organisation, die sich selbst als christlich bezeichnet, keine Berührungsängste gegenüber einem Weltkriegsmessias wie Mun hat."

          Langer und Sergio verteidigen sich

          Die prominenten Werber für das Buch "Kraft zum Leben" zeigen sich unbeeindruckt von solchen Erkenntnissen. Fußball-Star Paulo Sergio bekennt sich noch immer zu der Botschaft des Buches - der FC Bayern wollte das Engagement seines Spielers nicht kommentieren. Ansonsten sagt der Spieler nur: "Ich selbst habe das Buch unterstützt, um die Botschaft von Jesus Christus weiterzugeben. Die Ziele der Stiftung kenne ich nicht."

          Auch Bernhard Langer betont, dass er mit der DeMoss Stiftung nur Positives erlebt habe. Schon vor drei Jahren habe er in Amerika an einer ähnlichen Werbekampagne teilgenommen. Bei kritischen Nachfragen reagiert der Golfprofi empfindlich. Offizielle Stellungnahme? Fehlanzeige.

          Via Homepage teilt Langer mit: "Ich habe das angebotene Buch in seiner englischen Fassung schon vor Jahren gelesen und es hat mir und meiner Familie sehr geholfen. Es ermutigt zum Lesen der Bibel und zu einem Leben in der Verantwortung vor Gott." Der Golfprofi weiter: "Ich empfehle jedem, es selbst zu lesen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Herzlichst, Ihr Bernhard Langer."

          DeMoss-Stiftung hüllt sich in Schweigen

          Nicht nur Langer ist in dieser Sache ansonsten wortkarg. Internationale Medien haben keine Chance, mit den Verantwortlichen der Stiftung zu sprechen: Interview-Anfragen werden abgelehnt. Geheimnisvoll der Internetauftritt: Wer wissen will, wem er die Gratislektüre zu verdanken hat oder gar eine Kontaktadresse sucht, geht leer aus.

          Sowohl die verantwortliche Werbeagentur als auch die Media-Agentur Optimum Media Direction (OMD), die das gigantische Werbebudget verwaltet, sind von der DeMoss-Stiftung zum Stillschweigen gegenüber Pressevertretern angehalten worden, so ein Sprecher der OMD.

          Ziele der Organisation sehr zweifelhaft

          Die Stiftung, die hinter dem Buch steht, hat ihren Sitz in Florida und geht finanziell bestens gerüstet in den Kampf für mehr Lebensfreude: Mit einem Vermögen von rund 500 Millionen Euro steht sie auf Platz 48 der vermögendsten Stiftungen in den USA. Neben dem Vertrieb von Gratis-Büchern engagiert sich die DeMoss Foundation Medienberichten zufolge stark in der Diskreditierung von Homosexuellen und Abtreibungsbefürwortern.

          Amerikanische Medien berichten, dass die christlichen Fundamentalisten solche Kampagnen mit Millionenbeträgen finanzierten. Die Stiftung pflege Kontakte zu religiösen und politischen Gruppen, auch zur sogenannten "Christian Reconstructionist group on Revival", die die Todesstrafe für Sodomie, Hexerei und Blasphemie fordere. Nach Angaben des TV-Magazin "Report" stehe die Organisation im engen Kontakt zu Jerry Falwell, einem amerikanischen Rechten, der auch mit der sehr umstrittenen Munbewegung kooperiert.

          Experte sieht bislang keine Gefahr

          Lutz Lemhöfer, Sektenexperte des Bistums Limburg, sagte gegenüber FAZ.NET, solche Verbindungen zwischen fundamentalistisch-christlichen Vereinigungen seien in Amerika häufig. Sie seien jedoch meist flüchtig und dienten häufig dem Kampf gegen liberalere christlichen Auffassungen.

          Der Sektenbeauftragte hält die Kampagne der Stiftung in Deutschland für ungefährlich, da hier die fundamentalistischen Strukturen fehlen, wie sie die "Christian Coalition" in Amerika bereits etabliert hat. Außerdem versuche die Organisation bislang nicht Anhänger zu binden oder zu organisieren.

          Verfassungsschutz, Innenministerium und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend können keine Auskunft über die Gruppe oder deren Engagement in Deutschland geben. Die meisten der von FAZ.NET befragten Staatsdiener hatten trotz der gigantischen Werbekampagne noch nie von dem Buch oder der DeMoss-Stiftung gehört.

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