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Doping-Kommentar : Brennstoff

Ein neues Gutachten zeigt das Ausmaß der Betrugskultur unter dem Freiburger Sportmediziner Armin Klümper Bild: dpa

Wieder ein neues Gutachten zum Doping West – doch überraschen kann der Umfang der Betrugskultur keinen mehr. Es wird endlich Zeit, dass sich Sportfunktionäre auch um die verlogene Gegenwart kümmern.

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          Keine Woche ohne neues Gutachten zum Umfang des Dopings West. Vor zwei Wochen legten Andreas Singler und Gerhard Treutlein ihr Gutachten zum Wirken von Joseph Keul in Freiburg vor, vergangenes Wochenende wurden die entscheidenden Inhalte einer Dissertation des Krefelder Pharmazeuten Simon Krivec bekannt, nun zitiert die Deutsche Presse-Agentur aus Singlers und Treutleins Werk über die jahrzehntelange pharmakologische Arbeit von Armin Klümper. „Hunderte, vermutlich Tausende“ Sportler in der alten Bundesrepublik wurden von Klümper versorgt, schlussfolgern die Forscher. Ihrer Arbeit gebührt große Anerkennung.

          Wer sich nun allerdings überrascht gibt ob des Umfangs der Betrugskultur bei Funktionären und Athleten, die für Schwarz-Rot-Gold und Bundesadler antraten, muss entweder Mitte der Sechziger Jahre in einen jahrzehntelangen Winterschlaf getreten und so eben aufgewacht sein – oder einfach weiter heucheln. Wer wissen wollte, wie das Spiel lief, konnte es wissen, und zwar während es lief. Bemerkenswert ist allenfalls, dass auch heute fast ausschließlich jene den Anstand aufbringen, mit ihrem Namen zu dem zu stehen, was sie als Sportler taten, die nie ganz oben standen, wenn bei Olympia und Weltmeisterschaften die Nationalhymne gespielt wurde, sondern, wie der Diskuswerfer Klaus-Peter Hennig, nicht über die olympische Qualifikationsrunde hinauskamen. Wer seinen Namen verspielen könnte, kriegt den Mund immer noch nicht auf.

          Die Sportfunktionäre von heute wollen nun die Vergangenheit detailliert unter die Lupe nehmen, um Schlüsse für die Zukunft ziehen zu können. Ach so? Es wäre noch besser, würden sie sich schnellstens um die verlogene Gegenwart kümmern. Wer will behaupten, dass heute weniger Anreiz zum Doping besteht als vor dreißig Jahren? Im Gegenteil: Die Zwänge dürften, finanziell betrachtet, um ein Vielfaches größer sein. Und die Spitzensportreform, die sich Politik und Sport soeben erst verordnet haben und die auf den simplen Nenner „Mehr Medaillen fürs Geld“ zu bringen ist, wird wenigstens ebenso so guter Brennstoff für die Doping-Maschinerie sein wie es einstmals Ruhm und Ehre im Systemvergleich mit Schwarz-Rot-Gold unter Hammer und Zirkel im Ährenkranz waren. Moralisch aufgeladen wird das Spektakel zudem weiterhin wie eh und je. Nichts hat sich gebessert, im Gegenteil.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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