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Kommentar : Tausenderlei Probleme

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Der Zehnkampf der Weltmeisterschaften ohne einen Deutschen? Danach sah es nach dem Rücktritt von Frank Busemann und der WM-Qualifikation in Ratingen zunächst aus. Dann wurde der Berliner André Niklaus zum zweiten Mal Junioren-Europameister ...

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          Der Zehnkampf der Weltmeisterschaften ohne einen Deutschen? Danach sah es nach dem Rücktritt von Frank Busemann und der WM-Qualifikation in Ratingen zunächst aus. Dann wurde der Berliner André Niklaus zum zweiten Mal Junioren-Europameister - und vom Deutschen Leichtathletik-Verband umgehend auf die Teilnehmerliste für Paris gesetzt. Bloß keine weitere peinliche Leerstelle; dann doch lieber einen Nachwuchsmann ins Rennen schicken, auch wenn er keine Aussicht auf eine vordere Plazierung hat. Talente und Topstars lassen sich nicht erfinden. Oft helfen Zufälle. Im Zehnkampf bringt einen allerdings wohl nur noch Profitum weiter. Und genau da liegt eines der großen Probleme der deutschen Leichtathletik, das Verbandskritiker wie Lauf-Profi Dieter Baumann oder Stabhochsprung-Profi Tim Lobinger nicht sehen wollen oder sehen können: Viele hoffnungsvolle junge Athleten weigern sich inzwischen einfach, Berufssportler zu werden, und lassen sich nicht mit Haut und Haaren auf die Bedingungen für Höchstleistungen ein. Bei Nachwuchsmeisterschaften sind die Deutschen in Europa führend und weltweit absolut konkurrenzfähig. Und das, obwohl die Leichtathletik als Schulsport nur noch geringe Bedeutung hat. An der Schwelle zwischen Schule und weiterer Lebensplanung fällt dann jedoch häufig die Entscheidung gegen die Leichtathletik als Hauptsache. Viele brechen die Karriere ab oder erreichen zumindest nie ihren Leistungszenit.

          Traditionell ist Leichtathletik ein studentischer Sport. In Deutschland (und vielen anderen Industrieländern) hat Hochleistungssport für sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg nicht die Bedeutung wie beispielsweise in der Karibik oder in Afrika. Ein ordentlicher Ausbildungsberuf gewinnt vielmehr zunehmend an Gewicht. Mit ihren derzeit 46 WM-Disziplinen wirkt die Leichtathletik wie eine Lupe - sie vergrößert die Probleme des Spitzensports hierzulande. In Mannschaftssportarten lassen sich Mängel überspielen; in der Leichtathletik wird jede schwache Leistung, jeder Verletzungsausfall, jedes individuelle Scheitern schon zur Krise der gesamten Sportart. Dann wird dem Verband unter dem bösen Schlagwort "DDR-isierung" vorgeworfen, zu sehr zu zentralisieren; oder es heißt - im Gegensatz dazu -, zu viele Athleten in zu vielen Disziplinen würden gefördert und für die Spitzenleute gebe es nicht genug. Werfer, Springer und Läufer lassen sich kaum zusammenführen. Muß man gute Disziplinen weiter stärken oder gerade die schwächeren Bereiche besonders unterstützen? Bei deutschen A- und B-Jugend-Meisterschaften kommen die Teilnehmer aus über fünfhundert Vereinen. Wo soll man eine Zentrale aufschlagen, darf man Vereine, Regionen ausschließen, um andere zu begünstigen? In welchem Nest wird am ehesten ein Sportler flügge?

          Im Stabhochsprung gibt es vier sogenannte Zentren, in Leverkusen, Zweibrücken, Mainz und Stuttgart. Die erste deutsche Medaillengewinnerin von Paris, Stabhochspringerin Annika Becker, will davon aber nichts wissen; sie lebt und trainiert in Bebra und Erfurt. Ihr Erfolgsmodell könnte bei anderen völlig versagen. Es geht in der Leichtathletik anders zu als etwa im Skispringen mit von Natur aus limitierten Schauplätzen, Athletenzahlen und Teilnehmerländern. Daß es bei tausenderlei Problemen keine Patentlösungen gibt, macht die Leichtathletik einerseits so reizvoll - und auf der anderen Seite die Arbeit für Trainer und Funktionäre so undankbar.

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