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Kommentar : Sport tut Deutschland not

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So rätselhaft wie der Sieg eines kleinen Herausforderers gegen einen großen Meister, so rätselhaft ist auf den ersten Blick auch die sportliche Form der Jugend in dieser Republik.

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          So rätselhaft wie der Sieg eines kleinen Herausforderers gegen einen großen Meister, so rätselhaft ist auf den ersten Blick auch die sportliche Form der Jugend in dieser Republik. Hat Sport für Kinder und Jugendliche nicht immer mehr an Stellenwert gewonnen? Ist er nicht neben der Musik das kleidsame, stilbildende, einflußreiche Element? Und trotzdem kommen solche Ergebnisse zustande: Kinder und Jugendliche können sich immer schlechter bewegen. Sie tun sich immer schwerer damit, einen Ball auf den Boden zu prellen und wieder aufzufangen oder ein Sandsäckchen in ein Zielfeld zu werfen.

          Die Ursache dieser Defizite ist nicht allein damit benannt, daß fehlende Schulsportstunden beklagt werden und mangelnde Kompetenz der Sportlehrer. Eine Sportstunde mehr wird die Ausdauerfähigkeit von Mädchen, die der aktuellen Studie zufolge ebenfalls deutlich abnimmt, nicht verbessern.

          Die Bewegung nimmt bei vielen Kindern inzwischen den gleichen Weg wie die Sprache. Es fehlen die Grundkenntnisse. Das unerfreulichste Ergebnis der Studie ist daher wohl, daß die sportlichen Fähigkeiten der jüngeren Jahrgänge besonders stark zurückgehen. Haben sich motorische Mängel erst einmal verfestigt, wird es schwer, sie später zu beseitigen.

          Der Ruf nach mehr und bewegungsintensiverem Schulsport ist verständlich, denn Sportunterricht erreicht im Gegensatz zum Vereinssport alle. Und auch die Forderung nach verstärkter Kooperation zwischen Schulen und Vereinen ist ein guter Ansatz. Doch dürfen solche Initiativen nicht verschweigen, daß die Verantwortung für eine motorische Grundausbildung zuerst bei den Eltern liegt. Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung sind daher nicht in erster Linie - wie die Auftraggeber behaupten - ein "Alarmsignal für das deutsche Bildungssystem", sondern für das Bewußtsein vieler Eltern.

          Gerade Mädchen fehlt die Bewegung, und die Jungen überschätzen ihre eigenen sportlichen Fähigkeiten zum Teil gewaltig. Das dürfte auch an den Eltern liegen. Sie leben ihren Kindern offenbar keine gesunde Lebensführung vor. Dabei läßt der Zeitgeist etwas anderes glauben: Reitet diese Gesellschaft nicht auf einer Fitneßwelle? Sind nicht die Mitgliederzahlen der Sportvereine immer noch steigend, ebenso die der kommerziellen Sportanbieter?

          Vielleicht wird sich der Sport vermehrt auf Nachhilfeunterricht einstellen müssen. Für übergewichtige Kinder zum Beispiel, die mittlerweile schon ein Fünftel ausmachen. Einige Vereine bieten schon Kurse für übergewichtige Kinder an. Es sind wohl mehr solcher "niedrigschwelliger" Angebote notwendig, denn vielen Kindern sind selbst die kleinsten Hürden zu hoch geworden.

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