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Kommentar Sport : Rochaden unter der Gürtellinie

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Wenn Schachspieler am Brett brüten, um edle Gedanken zu ersinnen, sieht man nur ihre obere Hälfte. Was dieses Spiel aber neuerdings prägt, geschieht meist unter der Gürtellinie. Das WM-Vereinigungsduell sollte die Schachwelt wieder einen.

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          Diese Art von Kungelei kennt man aus der Welt des Profiboxens.

          Wenn Schachspieler am Brett brüten, um edle Gedanken zu ersinnen, sieht man nur ihre obere Hälfte. Was dieses Spiel aber neuerdings prägt, geschieht meist unter der Gürtellinie. Das WM-Vereinigungsduell sollte die Schachwelt wieder einen. Stattdessen hat es sie noch mehr gespalten. Der nun exklusive Weltmeister Kramnik wurde vom unterlegenen Topalow des Betrugs bezichtigt. Längst hat auch er seine Figuren im Machtkampf in Stellung gebracht. So wurde in einem Artikel, der am Tag vor der Entscheidung des Weltverbandes über eine WM-Revanche erschien, auch Topalow als potentieller Betrüger dargestellt - durch einen Autor, der laut der englischen Zeitung "Guardian" Kramniks Manager Hensel verbunden sei.

          Schach, diese einmalige Mischung aus Kunst, Wissenschaft und Sport, wird mehr und mehr von einem vierten Aspekt geprägt: dem Geschäft. Dabei gibt es manch undurchsichtige Rochade. So stellte sich die deutsche Firma chessbase, mit ihrer Website der führende Meinungsmacher im Schach, in ihren WM-Berichten auf die Seite von Kramnik und prägte so das öffentliche Urteil - wenige Wochen später trat Kramnik im groß vermarkteten Duell "Mensch gegen Maschine" gegen das Schachprogramm von chessbase an.

          Den besten Schachspielern haftete einst eine Aura majestätischer Geisteskraft an; auch wer sie nicht verstand, bewunderte sie. Nun sind auch der Weltmeister und der Weltranglistenerste nicht mehr sicher vor dem Verdacht, sich verbotene Hilfe zu holen. So wie die Allgegenwart des Dopings die Bewunderung athletischer Höchstleistungen tötet, so tötet die Allgegenwart des fehlerlosen Rechners die Bewunderung menschlichen Geistes. Schachmeister klagen, dass die Haltung ihrer Kunst gegenüber mehr und mehr von flapsigen Kiebitzen geprägt werde, die eben mal in einem Schachprogramm nachgeguckt haben. Verfügbarkeit von Wissen schluckt Respekt vor dem Denken.

          Wie könnte man ihn wiedergewinnen? Mit einem Weltmeister, der über Zweifel erhaben wäre. Doch der Modus, den der Weltverband nun mit Kramnik ausgemacht hat, ist kaum dazu geeignet. Es ist ein WM-Turnier im September in Mexiko, bei dem Kramnik spielen will, bei dem Topalow aber, obwohl er die Erstauflage 2005 gewann und Ranglistenerster ist, außen vor bleibt. Eine Revanche mit Kramnik bekommt er auch nicht.

          Die Sturheit, mit der Topalow sich in seine Verschwörungstheorie verrannt hat, hat den Weltverband offenbar in einen Deal mit Kramnik getrieben, der günstig für den Russen enden dürfte. Wenn er das Turnier nicht gewinnen sollte, dürfte er wohl einen Herausforderungskampf gegen den neuen Weltmeister bekommen. Es ist die Art von Kungelei und doppeltem Boden, die man aus der Welt des Profiboxens kennt. Das klingt nicht nach guter Nachbarschaft fürs Schach. Aber immerhin: Im Boxen wird bestraft, wer unter der Gürtellinie schlägt.

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