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Kommentar Sport : Irgendwo im Nirgendwo

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Das Wort Moral fiel am Wochenende, als der Trainer Ingo Steuer mit seinem Paar Sawtschenko/Szolkowy bei der deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaft in Oberstdorf triumphierte, nicht ein einziges Mal. Sicher, da ist die nicht wegzuleugnende tiefe Stasi-Verstrickung des 40 Jahre alten Chemnitzers.

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          Das Wort Moral fiel im Fall des Stasi-Spitzels Steuer kein einziges Mal.

          Das Wort Moral fiel am Wochenende, als der Trainer Ingo Steuer mit seinem Paar Sawtschenko/Szolkowy bei der deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaft in Oberstdorf triumphierte, nicht ein einziges Mal. Sicher, da ist die nicht wegzuleugnende tiefe Stasi-Verstrickung des 40 Jahre alten Chemnitzers. Dass Steuer ein über die Maßen eifriger Diener der Staatssicherheit in der DDR war, geht aus dem Studium der von der Birthler-Behörde gefundenen Berichte des "IM Torsten" eindeutig hervor. Doch die Vergangenheit des früheren Paarlauf-Weltmeisters interessierte in Oberstdorf niemanden aus der versammelten Spitze der Deutschen Eislauf-Union (DEU) sonderlich. Dieser Sportfachverband ist wirtschaftlich inzwischen so schwach auf der Brust, dass ein Großteil seiner Hoffnungen auf neue Sponsoren und einen neuen Fernsehvertrag auf der Vermarktbarkeit seines Weltklassepaars ruht. Für Sawtschenko/Szolkowy aber gilt seit Bekanntwerden der unrühmlichen Nebenbeschäftigung ihres Eislauflehrers der Grundsatz "Ganz oder gar nicht". Nur mit Steuer und mit niemanden sonst wollen die zwei ihre sportlichen Prüfungen meistern. Verständlicherweise, da dieser Sachse als exzellenter Trainer gilt, der aus einer Kombination de luxe die möglicherweise kommenden Europameister geformt hat.

          Wie aber soll der noch vor einem Jahr vom Nationalen Olympischen Komitee und vom Bundesinnenministerium heftig beklagte verwerfliche Spitzelservice des Denunzianten Steuer heute bewertet werden? Nichts hat sich inhaltlich seitdem geändert. Steuer ist zwar auf dem Rechtsweg per einstweilig erwirkter Verfügungen zu den Olympischen Winterspielen in Turin wie zu den Wettkämpfen dieser Saison zugelassen worden, doch führten seine juristischen Siege nicht zur Löschung seines persönlichen Schuldregisters. Was erschwerend hinzukommt: Der Chemnitzer hat bisher kein Wort der Entschuldigung für seine Sünden gefunden und mit seiner Sturheit so manchen, angefangen beim Sportminister Wolfgang Schäuble, derart nachhaltig verprellt, dass ein Brückenschlag von hüben nach drüben bisher ausgeschlossen werden konnte.

          Der juristisch exzellent beratene, sonst aber beratungsresistente Trainer hat seine Verbündeten bisher vor Gericht gefunden, wo nicht über Schuld oder Unschuld geurteilt wurde. Seit diesem Wochenende ist auch nicht mehr daran zu zweifeln, dass die pragmatisch gesinnte DEU ein Ende des Rechtsstreits herbeisehnt - zugunsten des Mannes, dem sie, so die bizarre Ausgangssituation, im April oder Mai bei der Verhandlung vor dem Oberlandesgericht (OLG) in München als Gegenpartei begegnet. Schließlich hat die DEU, beim Landgericht München I dreimal mit ihrem Beharren auf der Verbandsautonomie abgeblitzt, das Widerspruchsverfahren auf den Weg gebracht. Es wird vor dem OLG um die laut DEU-Erklärung vom 6. Dezember 2006 auch wegen ihrer möglichen Folgewirkung juristisch spannende Frage gehen, "ob die Verbandshoheit der Berufsfreiheit von Sportlern nachsteht oder nicht". "Wir verlieren gern" lautet inzwischen das Motto des Verbandes in der Hoffnung, dass nach dem Münchner Grundsatzentscheid auch das Innenministerium und der Deutsche Olympische Sportbund in Anerkennung der Rechtslage beidrehen werde und Steuer endlich freie Eisbahn habe. Wo bliebe dann die gerade vor Großereignissen wie Olympia immer wieder gern bemühte Ethik, wo der Anstand im Sport? Irgendwo im Nirgendwo. Wieder einmal hätte sich Brechts pragmatischer Grundsatz bestätigt, der da lautet: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

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