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Kommentar Sport : Eine Einheit ist zerbrochen

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Kevin Kuranyi geht zur Halbzeit eines Länderspiels nach Hause, Torsten Frings raunt von Rücktritt, und Kapitän Michael Ballack sucht nach dem Duell mit Manager Oliver Bierhoff nun die öffentliche Konfrontation mit Bundestrainer Joachim ...

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          Kevin Kuranyi geht zur Halbzeit eines Länderspiels nach Hause, Torsten Frings raunt von Rücktritt, und Kapitän Michael Ballack sucht nach dem Duell mit Manager Oliver Bierhoff nun die öffentliche Konfrontation mit Bundestrainer Joachim Löw: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat in den vergangenen beiden Wochen viel dafür getan, sehr gründlich eine Illusion zu begraben, die noch bei der Europameisterschaft im Sommer mühevoll am Leben gehalten wurde - die Fiktion von einem Team und einer Führung, die sich noch immer einer gemeinsamen Identität verpflichtet fühlen und das gemeinsame Ziel stets über Einzelinteressen und Eitelkeiten stellen. Im Hort der Harmonie, als den sich die Nationalmannschaft im deutschen Fußball seit ihrem Aufbruch vor gut vier Jahren so gerne gesehen hat, herrscht mittlerweile ein Reizklima, wie es die meisten Spieler noch nie erlebt haben. Man kann es auch anders sagen: Eine Einheit ist zerbrochen.

          Es herrscht Alarmstimmung. In einem medial grell ausgeleuchteten Umfeld, wo sich von jeher jeder selbst der Nächste ist, macht sich nicht erst seit heute eine auffallende Sprachlosigkeit der wichtigsten Akteure innerhalb der Nationalmannschaft bemerkbar. Auch wenn jeder Fall seine Eigentümlichkeiten aufweist - eine Gemeinsamkeit nach vier Jahren unter der Führung von Löw und Bierhoff ist dabei jedenfalls nicht mehr zu übersehen: die Unfähigkeit oder der gewachsene Unwille, Konflikte und Interessengegensätze zumindest geregelt miteinander auszutragen - von einem produktiven Umgang ganz zu schweigen.

          So dauerte es Monate, bis der Konflikt zwischen Ballack und dem Manager, die sich nichts mehr zu sagen haben, zumindest eingehegt wurde. Kuranyi fand keine Worte, die Unzufriedenheit mit seiner Rolle gegenüber dem Bundestrainer deutlich zu machen, und trat gegen Russland hilflos die Flucht an. Torsten Frings sah den Bundestrainer nicht mehr als seinen ersten Ansprechpartner an, nachdem Löw seinen Stammplatz - sportlich nachvollziehbar - zur Disposition stellte. Auch Michael Ballack fühlte sich nicht mehr verpflichtet, seine Kritik in der Kabine zu thematisieren. Er ging wie Frings direkt an die Öffentlichkeit - und fordert nun vom Bundestrainer Loyalität und Respekt ein, nachdem er selbst den innerbetrieblichen Konsens mit großem Knall aufgekündigt hat.

          Die Bruchlinien, die nach den eruptiven Äußerungen Ballacks in der Nationalelf nicht mehr zu übersehen sind, sind vielfältig. Alt gegen Jung, Mannschaftsführung gegen Kapitän, alte Verdienste gegen neue Hoffnungen.

          Man kann an Ballacks Attacken manches kritisieren, aber nicht, dass er Konfrontationen aus dem Weg ginge. Sie bedeuten einen Wendepunkt. DFB-Präsident Theo Zwanziger, Franz Beckenbauer und natürlich die Führung der Nationalmannschaft hat er mit seiner Kritik gegen sich aufgebracht - und auch innerhalb des Teams ist es um den unbequemen Kapitän schon seit der Europameisterschaft viel einsamer geworden, als er selbst glauben machen will. Ballack und der Nationalmannschaft stehen unruhige Zeiten bevor.

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