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Kommentar Sport : Die kalte Wut

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Schwimmer und Leichtathleten haben einiges gemein. Es sind Einzelkämpfer, die seit ihrer Kindheit darauf getrimmt sind, sich durchzusetzen - und wenn es sein muß, auch die eigenen Interessen. So wird es kein Zufall sein, daß sich ...

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          Schwimmer und Leichtathleten haben einiges gemein. Es sind Einzelkämpfer, die seit ihrer Kindheit darauf getrimmt sind, sich durchzusetzen - und wenn es sein muß, auch die eigenen Interessen. So wird es kein Zufall sein, daß sich jetzt in Deutschland einige von ihnen fast gleichzeitig in einer inoffiziellen Disziplin üben, der Funktionärsschelte. Bei den Schwimmweltmeisterschaften in Montreal machte der Chemnitzer Europameister Stev Theloke den Anfang; mit dem bekannten Ende, daß er nach Hause geschickt wurde. Kaum war die WM vorüber, griff Antje Buschschulte, die erfolgreichste deutsche Athletin, vor laufenden Kameras den Verband an. Von ihr übernahm den Stab die Speerwerferin Steffi Nerius. Mit kerniger Kritik störte sie ganz bewußt die Ruhe vor der Leichtahtletik-WM in Helsinki. Prompt legten andere Athleten wie die Diskuswerferin Franka Dietzsch nach. Sie alle rechtfertigten ihre Attacken damit, daß sie keinen anderen Weg sähen, die Mißstände zu beseitigen.

          Nur, welche Mißstände? Das Merkwürdige an ihrer Kritik ist, daß man sie genauso wenig fassen kann wie tatsächliche Beweggründe ihrer Urheber. Die Vorwürfe sind diffus und zum Teil belanglos. Was meinte etwa der Sportsoldat Theloke damit, als er über Sportdirektor Ralf Beckmann, also seinen Vorgesetzten, sagte, "er verarscht die Medien"? Was genau versteht Antje Buschschulte unter dem "Mobbing", das sie vor ein paar Tagen dem Schwimm-Verband unterstellte? Und was heißt das, wenn Steffi Nerius dem Präsidenten des Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop, Ahnungslosigkeit unterstellt? Glaubt Franka Dietzsch tatsächlich, es sei von immenser Bedeutung, daß Prokop die Nähe der Athleten suche? Und vor allem: Wollte man an den "Mißständen" etwas ändern, wäre es da nicht geboten, zunächst intern das Gespräch mit den Beteiligten zu suchen, anstatt sie öffentlich vor den Kopf zu stoßen?

          Dennoch täten die Verbände gut daran, das Aufbegehren ihrer Athleten ernst zu nehmen. Es sind keine Einzelfälle. Die Lautsprecher dürfen sich der breiten Unterstützung ihrer Kollegen sicher sein. Endlich habe mal einer den Mund aufgemacht, sagen sie. Offensichtlich hat sich unter der Oberfläche eine ungute Stimmungslage zusammengebraut, ganz sicher begünstigt durch die vielen Mißerfolge der Leichtathleten und Schwimmer, gerade bei den Olympischen Spielen in Athen. Sie müssen mit dem Gefühl fertig werden, ihren eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, und dazu auch noch öffentliche Kritik ertragen. Beinahe zwangsläufig richtet sich ihre dumpfe, kalte Wut auf diejenigen, die in den Zeiten der Krise von den Medien zu Hauptfiguren erhoben werden: die Verwalter des Sports. In der Psychologie nennt man das Projektion.

          So normal derlei Klimastörungen sind, so wenig scheinen die Verbände der beiden olympischen Kernsportarten darauf vorbereitet. Das kann man ihnen ankreiden. Es müßte doch möglich sein, eine Kommunikationskultur zu schaffen, die Entladungen wie diesen entgegenwirkt. Denn darüber müssen sich alle Beteiligten im klaren sein: Öffentliche Konfrontationen schaden beiden, den Verbänden und erst recht den Athleten. Gerd Schneider

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