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Kommentar : Rosige Zukunft auf schmalem Grat

  • -Aktualisiert am

DHB-Auswahl: Steilvorlage für die Sponsorensuche Bild: AP

Die EM sollte für die deutschen Handballer zur Initialzündung werden. In der Tat hat die DHB-Auswahl mit Silber goldige Perspektiven erarbeitet.

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          Für den großen Triumph fehlten den deutschen Handballer nur wenige Sekunden und ein mutigeres Schiedsrichtergespann in der Schlussphase. Der Schmerz, den ersten Titel seit über zwei Jahrzehnten verpasst zu haben, saß bei den ballwerfenden Protagonisten zunächst tief. Mit dem gelungenen Auftritt auf dem schwedischen Handball-Parkett hat sich das Team von Bundestrainer Heiner Brand dank eines starken Abwehrverbundes dennoch aus der Deckung gespielt.

          Die EM sollte zur Initialzündung werden: Für ein profilierteres Image bei der Sponsorensuche. Wie immer bei deutschen Erfolgen in den Mannschaftsportarten, die sich in der öffentlichen Aufmerksamkeit um den Platz hinter dem Fußball, der Formel 1 oder den Skispringern streiten, ist sogleich die Rede von einem Boom und neuer Euphorie.

          Rückschläge einplanen

          In der Tat hat sich die DHB-Auswahl trotz Silber goldige Perspektiven erarbeitet. Bereits qualifiziert für die nächsten kontinentalen und globalen Titelkämpfe und mit der Aussicht, die WM 2005 im eigenen Land auszurichten, hat der Verband Planungssicherheit für seine Businesspläne.

          Die sollten Rückschläge berücksichtigen: Die Weltspitze ist eng zusammengerückt, das Ranking der Nationen kann sich schnell verschieben, wie das diesmal Weltmeister Frankreich nur ein Jahr nach dem Erfolg im eigenen Land schmerzvoll erfahren musste. Der sportlichen Steilvorlage müssen nun professionelle Vermarktungskonzepte folgen. Mit breiter, statt mit blanker Brust können die Handballer dabei auftreten, haben aber noch ein paar hausgemachte Probleme.

          Zweifelhafter Deal

          Im Vorfeld dieses kontinentalen Kräftemessens bekleckerte sich der Verband nicht gerade mit Ruhm. Erst in letzter Sekunde wurde ein Sponsor gefunden, dank eines zweifelhaften Deals, bei dem der Mehrheitsgesellschafter der einstigen Hofagentur des DHB, die Handball Marketing Gesellschaft, quasi einen Deal mit sich selbst abschloss. Das Bild, wie die Spieler, ihre schnell besorgten Werbeaufkleber auf den Trikots während der Spiele verloren, hatte Symbolkraft.

          Zentralvermarktung heißt der Wunsch der Zukunft, die Deutsche Städe Medien (DSM) soll das übernehmen, um Liga und Nationalteam spätestens ab Juni 2003 gemeinsame Sponsoren zu vermitteln. Liga und Verband proben den Schulterschluss.

          Schmaler Grat

          Helfen sollen dabei große, schöne und neue Hallen. Bad Schwartau zieht es nach Hamburg in die Arena des finnischen Investoren Harkimo, der THW Kiel hat seine Ostseehalle ausgebaut und der VfL Gummersbach erzielt mit seinen Umzügen in die Kölnarena neue Zuschauerrekorde. Die selbsterklärte „NBA des Handballs“ möchte sich neu positionieren, das Produkt veredeln und für ein einheitliches Erscheinungsbild sorgen.

          Dennoch wandeln die Verantwortlichen auf einem schmalen Grat. Denn so gesund, wie sich der Handball zurzeit darstellt, ist er beileibe nicht. Sportlich verdrängt die Ansammlung der internationalen Stars manch hoffnungsvolles deutsches Talent auf die Bank oder in die Zweitklassigkeit. Da könnte langfristig dem Nationalteam die Basis fehlen.

          Harter Verdrängungswettbewerb

          Finanziell bewegen sich die Klubs beim Poker um die begehrten Ballwerfer aus Skandinavien, dem Balkan oder Frankreich oft am Rande des Machbaren. Die kurzfristig drohende Insolvenz der HSG Nordhorn mitten in der Saison sollte da eine mahnendes Beispiel sein. Ein strengeres Lizensierungsverfahren, um Abhilfe zu schaffen, wird nötig sein.

          Gleichwohl entwickelt sich die Liga trotz der Spannung an der Spitze zu einer Zweiklassengesellschaft. Denn im wirtschaftlichen Verdrängungswettbewerb droht mancher Klub in der Provinz auf der Strecke zu bleiben.

          Sparsame Inszenierung

          Im dialektischen Kampf um Sponsoren und TV-Präsenz hat der DHB mit einer Einschaltquote von durchschnittlich 2,5 Millionen Zuschauern beim Finale im Deutschen Sportfernsehen einen Achtungserfolg erzielt, der potentielle Verhandlungen erleichtert. Nur sollten auch die TV-Produzenten nicht am falschen Ende sparen.

          Ein Handball-Finale zu übertragen, aus Kostengründen bei der Produktion aber auf jede Stimme und Reaktion eines deutschen Spielers oder eigene Kameras zu verzichten, wirkt fahrlässig in Zeiten, in denen andere die perfekte TV-Inszenierung vorexerzieren.

          Guido Franke

          Redakteur in der Politik.

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