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Kommentar : Michael Schumacher - ein Held für die Wohnstube

  • -Aktualisiert am

Wenn den Deutschen die Sport-Heroen auszugehen drohen, gibt es immer noch Michael Schumacher. Der FAZ.NET-Kommentar.

          3 Min.

          Der Glückwunsch vorweg: Michael Schumacher ist zum fünften Mal Weltmeister in der Formel 1 geworden. Das ist fabelhaft, das ist Rekord, noch einer. Nichts anderes als das Außergewöhnliche erwartet man von ihm - Schumacher hat es wieder geliefert. Respekt.

          Vielleicht hat er ein wenig schnell geliefert, so schnell wie kein Rennfahrer zuvor. Als Langeweiler geschmäht wurde eine Saison, in der tatsächlich allein die Brillanz des Titelverteidigers und die Dominanz seines Rennstalls Ferrari faszinierten. Muss sich ein Schumacher deshalb als Spielverderber bezichtigen lassen?

          Es gibt keinen falschen Zeitpunkt

          Ganz gewiss nicht. Für einen WM-Titel gibt es keinen richtigen oder falschen Zeitpunkt, es gibt nur den Erfolg oder eben nicht. Letzteres ist im Fall Michael Schumacher inzwischen fast undenkbar.

          Dass in der Saison 2002 weitgehend die Faktoren Spannung und Emotion gefehlt haben und in den verbleibenden Rennen fehlen werden, lässt sich verschmerzen, solange das Produkt dieser Rechnung das gleiche ist wie in all den Jahren zuvor: Helden-Verehrung.

          Denn wenn den Deutschen die Sport-Heroen auszugehen drohen, gibt es immer noch Michael Schumacher. Es ist beruhigend, dass da einer ist, der zuverlässig ein Stück Stolz in die Wohnstuben transportiert, im Zwei-Wochen-Rhythmus von März bis Oktober und über 300 Stundenkilometer schnell.

          Fahren und siegen

          Dann werden deutsche Häuser mit roten Ferrari-Bannern beflaggt, die neben schwarz-rot-goldenen Fahnen im Wind wehen. Mehr Nationalfarben sieht man nur nach guten Fußball-Weltmeisterschaften, die aber ebenso rar sind wie deutsche Erfolge im letzten Jahrzehnt. Schumi dagegen fährt und siegt Jahr für Jahr.

          Er ist einer der letzten Aufrechten im Ring, gerade jetzt, da sich Idole wie Boris Becker und Jan Ullrich anschicken, sich selbst auszuzählen mit Frauengeschichten und Dopingaffären. Was den Kerpener unterscheidet vom Leimener und Merdinger, ist in erster Linie der öffentliche Auftritt.

          Perfekte PR-Maschine

          Wo Becker in der Rolle des Playboys eher peinlich vor sich hin dilettiert und allenfalls rudimentär den großartigen Sportsmann erahnen lässt, der er einmal war, wo Ullrich unbeholfen in Mikrofone spricht, um pausbacken seinen Pillenkonsum zu erklären, da verkörpert Schumacher auch in seiner Funktion als öffentlicher Mensch den Perfektionisten.

          Auch er hat seine Skandale und Skandälchen gehabt, aber er hat sie nahezu unbeschadet überstanden. Weil der gelernte Kfz-Mechaniker von Manager Willi Weber ideal abgeschirmt wird, weil er dank kontrollierter und zuweilen angepasst wirkender Statements rhetorisch kaum Angriffsfläche bietet und weil die um ihn herum installierte PR-Maschine mindestens ebenso perfekt läuft wie sein famoser F2002 im Rennen.

          Lebende Legende

          Dass der schon beim Großen Preis von Frankreich und nicht erst in der deutschen Heimat zum Titel fuhr, war symbolisch für den gesamten Saisonverlauf. Nie waren Team und Fahrer zuverlässiger, schneller, perfekter und harmonischer als diese Symbiose im roten Renner - Michael Schumacher und Ferrari.

          Wer mag da schon vom Schummel-Schumi schwadronieren, wenn der für seine Fehlleistungen wie beispielsweise bei den Saisonabschlussrennen 1994 und 1997 ordentlich gebüßt hat: durch zeitweiligen Liebesentzug, aber auch handfeste Strafen und Sanktionen. Und vor allem: Wer könnte seine überragenden Qualitäten auf der Rennstrecke, aber auch bei der Entwicklung von Auto und Team schmälern wollen?

          Im Formel-1-Circuit ist Michael Schumacher über alle Zweifel erhaben, eine lebende Legende, jetzt auch statistisch auf einer Stufe mit Rekordweltmeister Juan Manuel Fangio. Mit immer neuen Erfolgen und Bestmarken kann er nur sich selbst zitieren.

          Grenzen setzt er sich selbst

          Ein Satz, noch aus den verbalen Duellen der Anfangsjahre mit dem ebenfalls unnachahmlichen Ayrton Senna, steht wie in Stein gemeißelt: „Mich hat niemand in Schranken zu verweisen, meine Grenzen setze ich mir selber.“

          Dass er sie bisweilen übertreten hat, manch früherer Titelgewinn den Geruch des Unlauteren trug und das Wort vom „Schummel-Schumi“ die Runde machte, scheint heute vergessen. Selbst der mit der umstrittenen Stallregie erlangte Triumph dieses Jahres in Spielberg wirkt beinahe schon wie eine Reminiszenz, die viel weiter als zwei Monate zurück liegt.

          Der Held richtet den Blick voraus: Noch sind seine Grenzen nicht erreicht, scheint Schumacher nicht willens, aus seinem Boliden auszusteigen. Die Konkurrenten mögen das mit Unbehagen registrieren, die Fans nicht. Sie können nicht genug von diesem Schumacher bekommen. Helden werden nicht langweilig.

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