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Kommentar : "Mal, Maaal!"

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Das häßlichste Wort dieses Beitrages gleich vorneweg: "Abschlachten". Angewendet zum Glück nur im übertragenen Sinne. Oliver Kahn benutzte die grobe Metapher am Mittwoch in Bukarest nach vier Gegentoren binnen 45 Minuten: "Wir haben ...

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          Das häßlichste Wort dieses Beitrages gleich vorneweg: "Abschlachten". Angewendet zum Glück nur im übertragenen Sinne. Oliver Kahn benutzte die grobe Metapher am Mittwoch in Bukarest nach vier Gegentoren binnen 45 Minuten: "Wir haben uns abschlachten lassen." Einen sprachlich etwas feinfühligeren Vertreter der Fußballbranche hat der Deutsche Sprachrat in sein Team aufgenommen: Volker Finke, den Trainer des SC Freiburg. Die Jury, welcher der frühere Gymnasiallehrer angehört, soll das "schönste Wort der deutschen Sprache" bestimmen.

          Erdbeermund, Tausendschön, Pusteblume sind die üblichen Favoriten poetischer Gemüter; der praktische Humor Loriots bevorzugt die "Auslegeware". Was bisher aber noch fehlt in der Auswahl, ist die Wortwelt des Sports, der seit jeher ein besonders vielfältiges Feld für Sprachschöpfer bietet: ob durch Zuschauer ("Hau rein, das Ding"), Reporter ("Die Braunschweiger massieren sich in der eigenen Abwehr"), Aktive ("Der FC Tirol hat eine Obduktion auf mich") oder Trainer ("Habe fertig"). Finke wird die nötigen Anstöße und Einwürfe parat haben.

          Wem der ganze Vorgang zu deutschtypisch sprachbürokratisch vorkommt, der sei an das schönste Fußballwort erinnert. Es heißt natürlich "Tor". Fast immer mit Ausrufezeichen zu versehen und, je nach emotionalem Gehalt, durch Vokalvermehrung beliebig auszudehnen, wobei vor allem in der brasilianischen Version ("gol") allein Lungenkapazitäten die Wortlänge begrenzen. Das "Tor" ist erst durch die verdienstvolle Tätigkeit des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins unter die Deutschen gekommen. Als sich der Fußball immer mehr auf dem Kontinent breitmachte und damit auch sein englisches Vokabular, veröffentlichte der Sprachverein als verbalen Abwehrriegel 1902 "Deutsche Ausdrücke für das Fußballspiel". Das Traktat enthielt neudeutsche Begriffe wie "Freistoß" oder "Abseits" (während Vorschläge wie "treiben" für dribbeln oder "ungehörig" für Foul erfolglos blieben). Der größte Treffer des amtlichen Vorgangs wurde bekanntermaßen das Tor. Es setzte sich als Übersetzung von "goal" gegen die Alternativlösung durch: das "Mal" (so wie "Torhüter" gegen "Malwächter"). Man stelle sich vor, wie das andernfalls geklungen hätte, als Herbert Zimmermann vor fünfzig Jahren in Bern ins Mikrofon brüllte - wie ein durchgedrehter Kunstlehrer: "Mal! Maaal! Maaal für Deutschland!" Das Tor gehört also auf die Auswahlliste, ebenso hübsche Unterformen wie das Traumtor. Außerdem: Schlenzer und Abstauber, Bananenflanke, Bilderbuchkonter, Sonntagsschuß und Flatterball. Ein ähnlich klangvoller Fußballbegriff ist das "Abstiegsgespenst", das vor einem Jahr Reiner Calmund, Manager von Bayer Leverkusen, nach eigener Darstellung jeden Abend in seinem Bett vorfand. Von dort wechselte es in dieser Saison in das des Berliner Kollegen Dieter Hoeneß. Wer es einmal so hautnah kennenlernte, der würde dieses schöne Wort liebend gern tilgen und gegen eines der häßlichsten und holprigsten Wörter der Fußballsprache eintauschen: den "Nichtabstiegsplatz". Denn der Blick auf die Sprache der Bundesliga, auf all die "Fahrstuhlmannschaften" im "Tabellenkeller", bei denen schon in der Hinrunde das "Trainerstuhlwackeln" einsetzt und die "Endspiele" beginnen, ehe dann "Schicksalsspiele" daraus werden, wobei nach fast jedem Zwischenerfolg "Euphoriebremsen" getreten werden - dieser Blick auf das Sprachbild der Bundesliga zeigt, daß ihr Denken immer mehr von der Furcht ums Geschäft als vom Spaß am Spiel geprägt scheint - von Ängsten statt Freuden. Und wozu? Am Ende steigen drei ab, was ja auch nicht das Ende der Welt ist, und drin bleiben sechs oder sieben, die fast das ganze Jahr, statt es zu genießen, in Angst davor lebten, was danach käme.

          Deshalb ist Volker Finke eine perfekte Jury-Besetzung. Sein Team müßte eigentlich immer gegen den Abstieg spielen. Statt dessen aber spielt es einfach Fußball und macht Spaß. Spiel- und Sprachwitz gehören zusammen. Sport ist Wort.

          Das schönste deutsche Fußballwort heißt natürlich "Tor"

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