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Kommentar : Lieb und teuer?

  • -Aktualisiert am

Der Sport und der Staat: Die Minister De Maiziére und Schäuble mit DOSB-Präsident Bach bei der Mitgliederversammlung des DOSB Bild: dpa

Die Bundeswehr ist der größte Sponsor des 0lympischen Sports in Deutschland. Ist das wirklich noch zeitgemäß? Ein Kommentar.

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          Was erwartet ein demokratisches Land von einem unpolitischen, freien, autonomen Sport, und was muss es sich ihn kosten lassen? „In einer Demokratie, die keine monarchischen Märchenereignisse in die Welt senden kann, sind Athleten und Athletinnen, die aus eigener Kraft, durch die Disziplin ihrer Lebensführung und die Verantwortung, die sie für ihr Selbstbild übernehmen, die Bindeglieder zwischen den bunten Flicken unserer Existenz und der Geschichte unserer Landes.“ Dieses Zitat des Philosophen Gunter Gebauer schreibt Sportlern eine hohe Bedeutung zu, für die nationale Identität sowie die kollektive Erinnerung und damit auch für das Ansehen des Landes.

          Wenn Politiker auf der Tribüne mit deutschen Athleten (vorzugsweise Fußballspielern) jubeln, wenn Sponsoren nach Erfolgen Glückwunschanzeigen veröffentlichen, wird offensichtlich, dass Politik und Wirtschaft im Sport für sich einen besonderen Wert sehen. Aber welchen Nutzen hat der Sport für unsere Gesellschaft? Ist der beträchtliche Einsatz von Steuermitteln - für Personalkosten und für die sportliche Infrastruktur - gerechtfertigt?

          Vor allem bei den Themen Gesundheit, Sozialisation und Integration trägt Sport, so sehen das viele Menschen, zum Gemeinwohl und zur Lebensqualität bei. Und über Erfolge im Spitzensport wird das Nationalgefühl transportiert, das ist in vielen Ländern empirisch belegt worden. Deshalb wird in Sonntagsreden immer wieder eine Vorbildrolle des (Spitzen-)Sports für die (Leistungs-)Gesellschaft reklamiert.

          Es gibt Gründe für staatliche Sportförderung

          Wer sich für den Leistungssport entscheidet, tut dies für sich - nicht, weil er seinem Land dienen will. Schwimm-Olympiasieger Michael Groß hat einmal gesagt, dass er nie auf dem Startblock gestanden und sich in diesem Moment als Botschafter Deutschlands gesehen oder etwa gar daran gedacht habe, er müsse gleich für Deutschland siegen. Spitzensport ist, verglichen mit der Alltagswirklichkeit, ein ziemlich überschaubarer Kosmos.

          Der Athlet steht vor durchaus bekannten Herausforderungen, er kennt Startzeit, Strecke, Gegner, hat sich minutiös vorbereiten können. Das normale Leben, mit seinen alltäglichen Kämpfen, Rück- und Niederschlägen, aber natürlich auch kleinen Siegen, ist weit weniger vorhersehbar.

          Gleichwohl gibt es eben genug Gründe, Sport staatlich zu fördern. Aber wie und mit welchem Ziel, darüber kann und muss debattiert werden. Ein Rundum-Sorglos-Paket? Deutschland braucht mit Sicherheit weder eine Rente für Olympiasieger noch Millionenprämien für Goldmedaillen. Jeder sollte sich des Risikos einer Entscheidung für den Sport bewusst bleiben.

          Verantwortung für die Zeit nach der Karriere

          Ein deutsches Sportfördersystem muss vielmehr dafür sorgen, dass Talente, die für etliche Jahre viel Lebenszeit in den Sport investieren, nicht benachteiligt sind. Dass sie und ihre Familien sich es leisten können, für eine bestimmte Zeit auf die Karte Spitzensport zu setzen. Sie brauchen Geld und eine Struktur, um Sport und Ausbildung verbinden zu können, um am Ende einer Laufbahn - da wir hier nicht über die Vettels und Schweinsteigers, also die wenigen Großverdiener der Sportwelt reden - den Sprung in ein erfülltes, erfolgreiches Berufsleben zu schaffen. Dass eine duale Karriere unter dem Dach der Bundeswehr schwierig sein kann, belegen viele Lebensläufe.

          Als Olympiasieger oder Weltmeister hat man schon mal einen bemerkenswerten Eintrag im Lebenslauf, der von anderen Bewerbern abhebt. Seinen Wert für einen Arbeitgeber muss aber auch ein früherer Spitzenathlet erst beweisen. „Ein guter Trainer, behält für seinen Athleten auch immer die Zukunft nach dem Sport im Blick“, hat der Amerikaner Bill Toomey, der Zehnkampf-Olympiasieger von 1968, gesagt. Nichts anderes darf für eine verantwortungs- und wirkungsvolle Sportlerförderung gelten, die auch Erziehung zur Selbstverantwortung und Selbständigkeit sein muss.

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