https://www.faz.net/-gtl-oh34
 

Kommentar : Leidenschaft schafft Leiden

  • Aktualisiert am

Auf vieles waren die Portugiesen vorbereitet, nur nicht auf ihre Landsleute. Monatelang hatten die Organisatoren der kommenden Fußball-Europameisterschaft Sicherheitskonzepte ausgetüftelt und Polizisten geschult, um im Sommer gewaltbereite Fans aus ganz Europa in Schach halten zu können.

          Auf vieles waren die Portugiesen vorbereitet, nur nicht auf ihre Landsleute. Monatelang hatten die Organisatoren der kommenden Fußball-Europameisterschaft Sicherheitskonzepte ausgetüftelt und Polizisten geschult, um im Sommer gewaltbereite Fans aus ganz Europa in Schach halten zu können. Eingeschworen auf eine Invasion von Barbaren, vor allem von Hooligans aus England, stehen die EM-Ausrichter urplötzlich vor einem neuen Problem: dem schier grenzenlosen Fanatismus ihrer Landsleute. Kleinere Streitigkeiten unter rivalisierenden Fangruppen sind in dem kleinen Land mit den vielen Fußballderbys nicht ungewöhnlich. Aber die schweren Krawalle mit mehreren Verletzten wie am Sonntag abend nach der Erstligabegegnung zwischen den nordportugiesischen Nachbarn Vítoria Guimarães und Boavista Porto haben die Verantwortlichen so nachhaltig erschreckt, daß seither hektische Betriebsamkeit herrscht. Als erste Maßnahme wurde das Stadion von Guimarães, das für zwei EM-Gruppenspiele vorgesehen ist, für dreißig Tage gesperrt. Es ist die eigene Leidenschaft, die in Portugal derzeit Leiden schafft.

          Gewöhnlich gelten die Portugiesen als friedliebende Zeitgenossen: Sprachlich pflegen sie einen Hang zu Verniedlichungen, so daß selbst Soldaten von ihrem "Gewehrchen" sprechen. Doch der sanfte Machismus der Südeuropäer steigert sich mitunter im Fußballstadion zur ungebührlichen Raserei - auf den Tribünen und auf dem Rasen: von den Tätlichkeiten dreier Nationalspieler gegen Schiedsrichter Benkö im verlorenen EM-Halbfinale 2000 gegen Frankreich bis zu den Schlägereien am vergangenen Wochenende. Ausgerechnet in Guimarães, wo eine Woche zuvor der Fußballprofi Fehér einem Herzanfall erlegen war, wurde das künftige EM-Stadion zum Schlachtfeld. In Lissabon soll zudem der Trainer des FC Porto, Mourinho, einen gegnerischen Spieler angegriffen und dessen Trikot zerrissen haben. Mourinho habe damit "die Leidenschaft eines Fußballspiels an den Rand des irrationalen Wahns gebracht", schrieb die Tageszeitung "Público". Der Grat ist schmal.

          Nach den jüngsten Krawallen stricken Regierung, Ligavorstand und Vereine an einer Art Dolchstoßlegende. Vítoria Guimarães als bestrafter Fußballklub wettert gegen Klüngel im Ligaverband, der angeblich Schiedsrichter beeinflußt; die Ligenleitung neigt beschämt die Köpfe und zeigt mit dem Finger auf die Regierung, damit diese im Hinblick auf die EM ein besseres Sicherheitskonzept und mehr Polizeikräfte präsentiert. Die Regierung ihrerseits beschuldigt die gewaltbereiten Fans, das Ansehen Portugals zu schädigen, und bereitet ein Gesetz vor, um ihrer Herr zu werden. Einig sind sich alle nur in einem Punkt: Schuld sind die anderen.

          Ob die Portugiesen aus den Ausschreitungen des Wochenendes gelernt haben, können sie schon am 18. Februar beweisen. An jenem Tag bestreitet die Seleção ihr nächstes Testspiel im EM-Stadion an der Algarve - gegen das englische Nationalteam mit seinen gefürchteten Fans. Doch der englische Fußballverband ist aus schlechter Erfahrung längst klug geworden, will 1900 Hooligans vor EM-Beginn die Ausreise verweigern. Zumindest die Gefahr von außen hat sich offenbar reduziert.

          Thomas Klemm

          Kommentar

          Topmeldungen

          Klimapolitik : Der Offenbarungseid der Merkel-Ära

          Der Klimaschutz in Deutschland muss nicht nur das Klima retten. Die Koalition denkt auch an sich. Zwischen Protestkultur von links und rechts sucht sie den Mittelweg.
          Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Adam Schiff von der Demokratischen Partei, am Donnerstag im Kongress

          Whistleblower belastet Trump : Die Spur führt nach Kiew

          Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes macht Donald Trump schwere Vorwürfe. Dessen Regierung versuchte, die Informationen des Whistleblowers zu unterdrücken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.