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Kommentar : Klischees und Plattitüden

Soll der Sport im Grundgesetz festgeschrieben werden? Es gibt Argumente dafür. Dass die Initiative nicht aus dem Sportausschuss kam, wirft derweil ein schlechtes Licht auf das Gremium.

          Ist der Anlauf zur Grundgesetzänderung ein sportpolitisches Lebenszeichen aus Berlin? Das wäre ja schließlich einmal zu erwarten, seit der Sportausschuss des Deutschen Bundestages vor knapp einem Jahr der Öffentlichkeit die Tür ins Gesicht geschlagen und praktisch seine Arbeit eingestellt hat. Abgesehen von Äußerungen einzelner Abgeordneter gibt es jedenfalls nichts, was sich als Ergebnis politischer Arbeit dieses Gremiums erkennen ließe.

          Man hört nichts von einer Debatte über die Ziele spitzensportlicher Förderung, wie sie seit den Olympischen Spielen von London in diesem Sommer überfällig ist. Es gibt keine Hilfe für die Nationale Antidopingagentur in Bonn, die mitsamt ihrer wichtigen Arbeit weggespart zu werden droht. Und schon gar nicht ist von neuen Ideen zu hören, mit denen man dem Kinder- und Schulsport die Bedeutung geben könnte, die er verdient, von Initiativen, mit denen der grassierenden Bewegungsarmut und Verfettung der nächsten Generationen beizukommen wäre.

          Trügerische Hoffnung

          Doch das politische Verfahren entlarvt die Hoffnung als trügerisch: Erst nach dem Plenum soll sich der Sportausschuss mit dem Antrag befassen; er hat mit dem Gesetzentwurf nichts zu tun. Noch dazu spricht die Begründung des Antrags dagegen, dass eine profunde inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Kulturgut Sport stattgefunden hat. Wer eine Sammlung von Klischees zum organisierten Sport sucht, wird in dem Antrag fündig. Von der größten Bürgerbewegung Deutschlands bis zur Wertevermittlung im Sportverein rasseln da alle Plattitüden, die ein Sportverband für sich ins Feld führen kann, von der Festplatte in die Legislative.

          Doch ein Funke, der die Idee vom Verfassungsrang des Sports erhellen könnte, springt nicht über. Dabei gibt es durchaus Gründe, Sport und Spiel, Bewegungs- und Körperkultur von Staats wegen zu schützen und zu fördern. Um damit zu überzeugen, darf man allerdings nicht argumentieren wie ein Moralapostel und denken wie ein Apparatschik. Sport ist keine Integrationsmaschine, die vor sich hin schnurrt, wenn man sie nur anwirft, Sport ist keine Gesundheitsorganisation, Sport ist kein Heilsbringer per se. Sport bedarf aufmerksamer Hilfe und Unterstützung, damit er das Gute hervorbringt, das er leisten kann.

          Dazu gehört allerdings Freiheit. Der Sport gehört nicht den Organisationen, die für ihn sprechen; es gibt einen Sport außerhalb von Sportverbände. Und es gibt die Freiheit, unvernünftig zu sein und Risiken einzugehen. Ohne das wäre Sport nicht Sport. Der Gesetzentwurf der SPD ist schlecht begründet und parteipolitisch motiviert. Aber, und das ist gut daran, er hat den Charakter einer Aufforderung.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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