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Kommentar : Empört und ohnmächtig

Am deutschen Radsport wird nun doch kein Exempel statuiert: Auch im kommenden Jahr werden zweieinhalb Millionen staatlicher Förderung fließen. Zwar redeten die Politker sich am Mittwoch im Sportausschuss ihren Unmut von der Seele. Doch schmerzliche Konsequenzen gab es keine.

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          Kritische Fragen ja, schmerzhafte Konsequenzen nein. Am Mittwoch ist der Sportausschuss vor der Forderung zurückgeschreckt, dem Radsport in Deutschland die staatliche Förderung zu entziehen. Politiker aller Parteien mit Ausnahme der Grünen wollten nicht ein Exempel statuieren, in dem die Organisation einer ganzen Sportart für die Verwurzelung ihres Spitzensports in Manipulation und Doping abgestraft wird.

          Doch von der Verantwortung für die mehr als fünfzig Beschäftigten des Bundes Deutscher Radfahrer und ihre Familien, von der Hoffnung auf die vermutlich gutwillige und unverdorbene Basis in den Kinder- und Jugendabteilungen des Verbandes war nicht die Rede. Nicht einmal über den grundsätzlichen Umgang mit Sportarten, die sich immer tiefer in den allgemeinen Verdacht hineinmanipulieren, wie die Reiterei, mochten sich die Volksvertreter am Mittwoch austauschen. Dabei wäre gerade das wichtig und richtig gewesen. Die Radfahrer sind in der Tat ein Exempel, nämlich die Spitze des Eisberges.

          Scharping zieht sich aus der Affäre

          Die Politiker hatten sich ein Zeitproblem beschert. Kurzfristig hatte der Ausschuss seine Sitzung, die gelegentlich Züge einer Vernehmung bekam, vor eine lang geplante und wichtige öffentliche Anhörung zum Thema Fußball gesetzt. So redeten sich die Abgeordneten ihren Unmut von der Seele, doch - und das genoss Scharping sichtlich - ihm und seinem Verband konnten sie nichts. Nichts von all dem, was man den organisierten Radrennfahrern vorwirft, ist im Hinblick auf die staatliche Förderung justiziabel.

          So zog sich der erfahrene Parlamentarier Scharping aus der Affäre; sein Verband erhält auch im kommenden Jahr wieder zweieinhalb Millionen Euro vom Steuerzahler. Noch weniger überzeugend als die Fragen und Einwürfe der Politiker, die vor allem Empörung und Ratlosigkeit ausdrückten, war es, wie Scharping die Anti-Doping-Initiativen und Präventionsbemühungen für sich und sein Präsidium reklamierte. Dabei entstehen die glaubwürdigsten Initiativen in Vereinen und kleinen Zirkeln, und sie müssen es sich gefallen lassen, dass Funktionäre wie Burckhard Bremer ihnen schlecht nachreden, wie am Wochenende beim Trainerseminar in Leipzig. Sie schadeten dem Radsport, sagte der Sportdirektor des BDR, nachdem sich die Referenten verabschiedet hatten.

          Auf Kosten der Glaubwürdigkeit

          Die Dopingfälle von Jan Ullrich, Jörg Jaksche, Patrik Sinkewitz und Stefan Schumacher waren schwere Schläge, die den Radsport bis in die Grundfeste erschüttern. Das von keinerlei Zweifeln angekränkelte Selbstbewusstsein, die Chuzpe von Scharping, Bremer und Kollegen ist der stete Tropfen, der die Glaubwürdigkeit aller Bemühungen um Änderungen aushöhlt.

          Vielleicht ist es ein Verdienst des Sportausschusses, so deutlich wie am Mittwoch seine Handlungsunfähigkeit zu demonstrieren. Jedenfalls mehrt er das Unbehagen gegenüber einer Staatsförderung, die Verbände und ihre Vertreter einfordern können wie Scharping am Mittwoch: Geld her oder der Sport geht kaputt! Ist es mit Geld denn anders?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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