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Kommentar : Biss ins eigene Fleisch

  • -Aktualisiert am

Der Sportartikelherstellers Adidas ist nicht mehr Ausrüster des Deutschen Schwimm-Verbandes. Die Athleten freut es. Mit der freien Anzugwahl könnte jeder Schwimmer mit dem Anzug in seinen wichtigsten Wettkampf gehen, mit dem er am besten zurechtkommt.

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          Selber schuld - diese Reaktion auf den Ausstieg des Sportartikelherstellers Adidas als Ausrüster des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) liegt nahe. Zu häufig und zu deftig hatten die DSV-Athleten ihren Haupt-Geldgeber zuletzt brüskiert - und damit die Hand, die sie füttert, gebissen. Schon vor den Olympischen Spielen in Peking hatten sie lautstark den Wettbewerbsnachteil des Adidas-Anzugs gegenüber der vor allem von Speedo beschleunigten Konkurrenz beklagt. Nun eskalierte die Kontroverse bei der Kurzbahn-EM in Rijeka in einer Weise, die Adidas offenbar nicht mehr hinzunehmen bereit war. Das Unternehmen zog die Reißleine.

          Inhaltlich freilich sind die Klagen der Athleten nicht so leicht von der Hand zu weisen. Es wäre vermessen, den wachsenden Abstand vieler deutscher Schwimmer zur Weltspitze allein auf den falschen Anzug zurückzuführen. Tatsache ist aber auch, dass der Anzug durch die fast schon aberwitzige technologische Entwicklung im Schwimmsport in einem noch nie dagewesenen Maße zum Leistungsfaktor geworden ist - und das zumindest so lange auch bleiben wird, bis sich der Weltverband Fina auf einheitliche, verbindliche Regeln hinsichtlich Material oder Silhouette einigen wird. Wann immer das sein wird: Die mehr als hundert Weltrekorde in diesem Jahr sprechen da jedenfalls eine eindeutige Sprache.

          Die Ausrede mit dem Anzug

          Jeder erwartet, und das zu Recht, dass die deutschen Schwimmer bei internationalen Großereignissen, zumal bei Olympischen Spielen, ihre bestmögliche Leistung zeigen. Im Gegenzug erwarten die Schwimmer, dass sie dafür die bestmöglichen Voraussetzungen zur Verfügung haben. Genau diese Bedingungen aber waren in den Augen vieler Athleten zuletzt nicht mehr gegeben. Und tatsächlich: Wer sich in der internationalen Spitze nach Schwimmern in Adidas-Anzügen umschaut, der muss lange danach suchen.

          Fündig wird er beispielsweise bei Britta Steffen, der Doppel-Olympiasiegerin in Peking. Ihr Beispiel zeigt, dass es weniger darum geht, einen bestimmten Anzug in Bausch und Bogen zu verdammen und einen anderen zum Allheilmittel zu erheben; sondern darum, jedem Schwimmer nach Möglichkeit die Freiheit zu lassen, mit dem Anzug in seinen wichtigsten Wettkampf zu gehen, mit dem er am besten zurechtkommt. Mit dem er am schnellsten schwimmt. Sei der nun von Adidas, Speedo, Arena oder Tchibo. Und sei das nun reine Einbildung oder realer Wettbewerbsvorteil.

          Der Ausstieg von Adidas trifft den Deutschen Schwimm-Verband finanziell ins Mark. Doch manche Spitzenathleten hatten zuvor schon angekündigt, sich an den Kosten für Trainingslager oder Wettkampfreisen beteiligen zu wollen - wenn sie im Gegenzug dafür die Freiheit der Anzugwahl erhielten. Nun könnte ein solches Szenario tatsächlich auf sie zukommen. So müßig es ist, nun nach Schuldigen im Fall Adidas versus DSV zu suchen: Die Bringschuld läge dann auf jeden Fall auf Seiten der Athleten. Denn die Ausrede mit dem Anzug, mit der wäre es erst einmal vorbei.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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